GESUNDHEIT: Pflegepersonen von Angehörigen können sich nun als Angestellte beschäftigen lassen

Den Haag, SW/NOS/VK, 08. Juli 2020

Personen, die ihre Familienangehörigen oder Freunde pflegen, können in den Niederlanden nun durch Pflegeorganisationen angestellt werden. Im Pflegesektor erwartet man, dass die eigentlich ehrenamtlich und freiwillig operierenden Pflegepersonen, im Niederländischen „Mantelzorgers“ genannt, durch den Einstieg in ein Arbeitsverhältnis dem aufkommenden Personalmangel im Pflegesektor entgegensteuern.

Etwa 3,5 Millionen Mantelzorgers sorgen sich derzeit um ihre Nahestehenden. Für das Jahr 2030 geht man aufgrund der demografischen Entwicklungen von einer noch größeren Zahl aus. Gleichzeitig hat der Pflegesektor, ähnlich wie im Nachbarland Deutschland, zum einen mit eben jener schnellen Alterung der Bevölkerung und zum anderen mit einem Mangel an geeignetem Personal zu kämpfen.

Die Lohnbeschäftigung der Pflegepersonen soll gerade deshalb eine Option schaffen, um dem allgemeinen Trend entgegenzuwirken. Dass diese für ihre Arbeit Geld empfangen, ist zwar nicht neu, findet aber jetzt unter anderen Bedingungen statt. Bisher konnten die Pflegebedürftigen nämlich ein persoonsgebonden budget (dt. personengebundenes Budget) beantragen, mit dem sie im Stande waren, Ihre Pfleger selbst zu bezahlen. Die Arbeitskontrakte machen aus der zuvor auf Freiwilligkeit basierenden Beschäftigung allerdings einen Beruf. Dabei erhalten die Beschäftigten von Pflegeeinrichtungen für maximal sechs Stunden pro Woche zwischen 10 und 15 Euro pro Stunde.

Die Einrichtung Cicero Zorggroep aus der Provinz Limburg hat eigenen Angaben zufolge bereits 14 Mantelzorgers beschäftigt, 300 sollen es insgesamt werden. Laut deren Vorsteherin Kina Koster komme der neue Ansatz der Pflege zu Gute, besonders die Corona-Krise habe gezeigt, dass das Konzept seine Vorteile hätte. Die angestellten Familienangehörigen durften da nämlich, im Gegensatz zu anderen, die Pflegeheime betreten.

Der Pflegebetrieb Informeles hat bereits mit etwa 200 Pflegepersonen einen Vertrag abgeschlossen. „Wir bezahlen für das, was man nicht von einem Mantelzorger erwarten kann“, sagt der Manager Nick van Hagen gegenüber der Tageszeitung De Volkskrant. Die finanziellen Mittel für die Bezahlung kommen von Pflegeversicherungen, den Gemeinden oder basieren auf einem bestimmten Gesetz für die langfristige Pflege von Bedürftigen. Der Arbeitsvertrag läuft bis zum Tod des Angehörigen. Im Vorhinein werden die Bewerber darüber hinaus auf ihre Aufgaben und deren Herausforderungen vorbereitet.

Gegenwind erfährt die Idee vor allem vom Dachverband der Pfleger von Freunden und Familie, MantelzorgNL. „Es verändert das Verhältnis zwischen Mantelzorger und dem Gepflegten fundamental“, sagt die Direktorin Liesbeth Hoogendijk. Man sei nicht mehr frei in der Wahl, wann man der Person einen Besuch abstatten wolle. Daneben würde sich auch die Beziehung zur Pflegeeinrichtung ändern: „Man ist nicht mehr Besucher, sondern Arbeitnehmer. Das kann gut gehen, es kann aber auch schieflaufen.“ So befürchtet sie, dass die Pflegepersonen auch für andere Bedürftige in Anspruch genommen werden würden.

Das Gesundheitsministerium schlägt in die gleiche Kerbe: „Die Arbeit der Mantelzorger ist von unschätzbarem Wert, aber sie ist im Prinzip freiwillig und unbezahlt. Das lässt sich schwierig mit einem Arbeitsverhältnis für bezahlte Pflege vereinbaren.“ Und auch der Verband der niederländischen Pflegeversicherer sieht ein Problem in der entgeltlichen Anstellung: „Bei bezahlter Unterstützung besteht das Risiko, dass die Hilfe aufhört, wenn die Stunden aufgebraucht sind.“