POLITIK: Entscheidung über Leben und Tod – Handlungsempfehlung für niederländische Ärzte veröffentlicht

Amsterdam, SW/NOS/VK, 17. Juni 2020

Während des Höhepunkts der zurückliegenden Infektionswelle des Covid-19-Virus gerieten Intensivstationen in ganz Europa an ihre Grenzen. Nur knapp entging man in den Niederlanden einer vollständigen Kapazitätsausleistung, die dortige Ärzte wohl zu immensen ethischen Konflikten gezwungen hätte. Um im Falle des „Code Schwarz“, also einer vollständigen Belegung aller Intensivbetten, zukünftig die Entscheidung über Leben und Tod nicht Einzelpersonen zu überlassen, wurde nun eine Handreichung verschiedener Mediziner erstellt. Diese stößt beim Kabinett aber auch auf Kritik.


Das Empfehlungsschreiben stammt aus der Feder von diversen niederländischen Ärzten und Ethikern. Den ursprünglichen Anlass stellte die sich rasend schnell vergrößernde Menge an Intensivpatienten im März, vor allem in der Provinz Noord-Brabant, dar. „Die Aussicht war, dass das niederländische Gesundheitssystem gegen den Anteil neuer Corona-Patienten innerhalb einer Woche nicht mehr ankommen könne“, sagt Mitunterzeichner Peter Paul van Benthem vom Verband Medizinischer Spezialisten (FMS). Es wurde deutlich, dass das Gesundheitspersonal im „worst case“ unvorbereitet wäre, weswegen sich noch damals fünf Hochschullehrer der Ethik mit der Problematik befassten und eine erste Version der Handlungskriterien erstellten. Für van Benthem eine wichtige Inititative: „Es konnte nicht so sein, dass Doktoren in eine Situation kommen sollten, in der sie diese Art von Wahl, ohne Rückendeckung solch eines Dokuments, hätten treffen müssen.“


In der seitdem verstrichenen Zeit und gleichzeitigen Entspannung der Virus-Lage wurde das Konzeptpapier in seinen Details verfeinert und nun endlich vorgestellt. Das Handbuch benennt dabei spezifische Gruppen, die Vorrang bei der Belegung freier Betten bekommen sollen – unabhängig davon, ob sie mit dem Corona-Virus infiziert sind, oder nicht. Als erstes würde nach der voraussichtlichen Behandlungszeit und damit verbundenen Verweildauer der Patienten auf der Intensivstation unterschieden werden. In einem zweiten Schritt bekämen Angestellte des Gesundheitswesens ein Vorrecht, da sie aufgrund ihres Jobs eine größere Gefahr laufen würden, sich zu infizieren. Die dritte und letzte Selektionsebene würde die Lebensphase der jeweiligen Person darstellen, wobei jüngere den älteren Personen vorgezogen werden sollten. Die Experten teilen das Lebensalter in fünf Gruppen auf, die jeweils 20 Jahre umfassen (beispielsweise 0-20 Jahre), wobei es keine Altersgrenze gibt. „Wir finden dann, dass jemand der 25 ist, weniger Chancen auf ein vollständiges Leben gehabt hat, als jemand der 65 Jahre alt ist“, erklärt Dick Willems, Universitätsdozent für medizinische Ethik in Amsterdam.


Wenn alle vorherigen Stufen keine Lösung erbringen sollten, kämen zwei letzte Möglichkeiten ins Spiel: Das Losverfahren oder die Selektion nach der früheren Anmeldung in der Klinik. Welche Aspekte bei der Entscheidungsfindung aber auf jeden Fall keine Rolle spielen dürfen, ist klar definiert: Geistige Einschränkungen, Ethnizität, Nationalität, Geschlecht und rechtlicher Status sind als Kriterium Tabu. „Wenn zwischen dem König und einem Obdachlosen entschieden wird, dann wird gelost. Und wenn der König Pech hat, dann hat der König Pech. Gerade um solche Entscheidungen sauber zu halten, gibt es eine Triage-Kommission. Als Mensch hat man die Neigung, eine Vorliebe auszusprechen, die ethisch nicht gesichert ist“, bringt der Vorsitzende des Ärzteverbands, Réne Héman, es auf den Punkt. Auch wenn man an seiner eigenen misslichen Lage „Schuld“ sei, zum Beispiel durch einen verursachten Verkehrsunfall, stelle dies keinen Grund zur Nichtbehandlung dar.


Mehrere Parteien des Parlaments forderten bereits, dass das Lebensalter niemals ausschlaggebend für die Intensivbehandlung sein dürfe. Der Minister für Gesundheitsversorgung, Martijn van Rijn, der sein Amt erst im März dieses Jahres übernommen hat, sieht die Handlungsempfehlungen als Anstoß zur Diskussion an. Er ist allerdings ebenso der Meinung, dass die Abwägung anhand der Lebensjahre in keinem Fall herangezogen werde dürfe, wie er in einem Brief an die Zweite Kammer bezüglich des Ethik-Vorschlags darlegte: „Obwohl ich keinen einzigen Zweifel an den aufrichtigen Absichten hege, bin ich der Meinung, dass hiermit ausschließlich ein Unterschied auf der Grundlage des Lebensalters gemacht wird und dies kann ich nicht unterstützen.“ Wenn die Überlebenschancen von zwei Patienten gleich groß seien, dann finde er ihre Leben gleich viel wert und es zugleich merkwürdig, aufgrund des Alters auszuwählen, fügt van Rijn hinzu. Als Alternative bringt er die Verfahrensweise anderer Länder ins Spiel, bei der nach der Reihenfolge der Aufnahme auf die Intensivstation entschieden wird. Falls die Verfasser zu keinen Änderungen ihres Vorschlags bereit sein sollten, behalte er sich zudem rechtliche Schritte vor, sagt aber auch: „Ich hoffe, dass ich keine gesetzlichen Maßnahmen treffen muss.“