WIRTSCHAFT: Niederlande verlieren Hauptsitz von Unilever an Großbritannien

Rotterdam, SW/NOS/NRC/Trouw/Spiegel, 11. Juni 2020

Der niederländisch-britische Weltkonzern Unilever verlagert seinen Firmenhauptsitz, aufgrund interner Umstrukturierungsmaßnahmen, vollständig nach London. Der sich abgezeichnete Umzug stellt das Ende eines intensiven Werbens der Regierungen Großbritanniens und der Niederlande um die Gunst des Unternehmens dar, das in der Debatte um die Dividendenbesteuerung zeitweilig seinen Höhepunkt erreichte.


Bislang hatte der Konsumgüterriese, vornehmlich Hersteller von Nahrungsmitteln und Pflegeprodukten, eine Doppelstruktur vertreten, die seit über 90 Jahren den Firmensitz auf die Städte Rotterdam und London aufteilte. Die nun getätigte Entscheidung sei das Ergebnis einer eineinhalbjährigen Untersuchung, wie das Unternehmenssystem vereinfacht werden könne, meldet Unilever in einem Pressebericht.


Auch als Reaktion auf den Brexit hatte der Markeninhaber von unter anderem Dove, Langnese oder Knorr 2018 noch die Standortverlagerung in die Niederlande geplant. In diesem Zusammenhang zog vor allem der ehemalige Unilever-Angestellte und Ministerpräsident Mark Rutte beinahe sämtliche Register, um dem Vorhaben eine gesteigerte Attraktivität zu verleihen. Sein ins Auge gefasstes Instrument sollte dabei die Abschaffung der Kapitalertragssteuer auf Dividenden sein, die der Multikonzern schließlich auch zur Bedingung machte. Letztlich kam es jedoch anders: Da die britischen Anteilseigner ihre Anlagen gefährdet sahen, revidierte Unilever seinen Plan, während die Steuerbelastung für Großunternehmen blieb.


Angesichts der Tatsache, dass die nationale Wirtschaftspolitik eigentlich auf das Anwerben ebensolcher Firmen ausgerichtet ist, kann der Verlust als Niederlage der Regierung eingeordnet werden. Unilever beteuerte aber, dass die Nahrungsmittesparte weiterhin in den Niederlanden verbleibe und auch keine Arbeitsplätze verloren gingen: „Das ist sicher kein „Nein“ gegen die Niederlande. Es ist allein eine juristische Veränderung. In der Praxis verändert sich nichts“, sagt der Verwaltungspräsident Nils Andersen. Die etwa 2500 niederländischen Beschäftigten dürften somit keine Auswirkungen von den Änderungen zu spüren kriegen. Daneben bedeutet die Stellungnahme, dass das „agri-food“-Cluster in Wageningen, das auf Investitionen Unilevers angewiesen ist, bestehen bleibt. Besitzer niederländischer Wertpapiere bekommen ein entsprechendes britisches Pendant ausgestellt.


Durch den noch nicht vollends vollzogenen Brexit und die währende Corona-Krise kommt die Neustrukturierung zum jetzigen Zeitpunkt unerwartet, obwohl zuvor bereits alles auf den Sprung über den Ärmelkanal hindeutete. Gerade wegen genannter Umstände sei es laut Andersen jedoch nicht verantwortlich gewesen, noch länger zu warten, mache der Umzug Unilever doch schlagfertiger. Tatsächlich verbesserte die Aktie am Donnerstag ihren Kurs um zwei Prozent und verzeichnete als einzige einen Gewinn im EuroStoxx50.


Wirtschaftsminister Eric Wiebes gibt in einer Reaktion an das Parlament an, den Beschluss zu bedauern, allerdings positiv über die Arbeitsplatzgarantie gestimmt zu sein. Daneben habe Unilever feste Zusagen gemacht, den Lebensmittelteil in den Niederlanden zu belassen, wodurch die Position im „agri-food“-Sektor weiter gestärkt werde. Trotzdem hätte er lieber den Firmenhauptsitz im eigenen Land gesehen.