GESELLSCHAFT: Niederländische Petition gegen Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück

Osnabrück, SW/NOS/Süddeutsche Zeitung, 28. Mai 2020

In Osnabrück soll ein Friedensinstitut eröffnet werden, das den Namen des ehemaligen NS-Juristen Hans Georg Calmeyer tragen soll. Eine Gruppe von 200 niederländischen Prominenten, darunter Künstler und Wissenschaftler, möchten nun aber mit einer Petition an Bundeskanzlerin Merkel dafür sorgen, dass das Haus nicht nach der umstrittenen Person benannt wird.

Der in Osnabrück geborene Calmeyer war ab 1941 in einer sogenannten Entscheidungsstelle in den Niederlanden stationiert, in der er Einspruchsanträge von zu Juden erklärten Personen bearbeitete. Indem er etwa 2.500 „Arier-Gutachten“ akzeptierte, konnte er ebenso viele Menschen vor einer Deportation bewahren. Die Kehrseite der Medaille: Calmeyer lehnte auch 1.500 Anträge ab, was zur damaligen Zeit einem Todesurteil gleichkam.

„Er beteiligte sich aktiv an der Vernichtung von mindestens 104.000 in den Niederlanden ansässigen Juden. Daher kann man ihn schwerlich ohne Vorbehalt als Helden bezeichnen“, heißt es in dem Petitionsschreiben. Hans Knoop, Journalist und Initiator der Aktion fügt an: „Er führte normale Amtsarbeit aus und tat nie etwas außerhalb der Richtlinien, er ist nie in Gefahr gewesen.“ Nichtsdestotrotz honorierte ihn nicht nur der Historiker Leo de Jong vom niederländischen Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidkunde, 1992 erhielt der „Schindler von Osnabrück“ durch Yad Vashem, als einer von wenigen Deutschen, auch einen Verdienstorden für seine außergewöhnlichen Taten zur Rettung von Juden.

Die niederländische Wissenschaftlerin Petra van den Boomgaard, die im Beratungsgremium des Museums sitzt, bestätigt, dass die Person nicht unumstritten ist. „Calmeyer hat vielen Juden geholfen und es gibt eine große Gruppe von Menschen, die ihm ihr Überleben zuschreibt und die ihm noch immer sehr dankbar ist.“ Gleichwohl sei der Sachbearbeiter ab 1943 unter Druck geraten, auch weil er einige Male verraten wurde. Sie habe Verständnis für die Auffassung der Unterstützer der Petition, fügt aber auch an, dass in Deutschland ein Wunsch danach bestehe, zeigen zu können, dass es auch „gute“ Deutsche während der Besatzungszeit gegeben hat.

Deshalb will die Stadt Osnabrück, trotz der Diskussion um die Rolle Calmeyers, im ehemaligen Verwaltungshaus der NSDAP, der Villa Schlikker, ein „Friedenslabor“ errichten. Ziel wird es sein, die Geschichten von Opfern des Nazi-Regimes aufzuarbeiten und gleichzeitig die Komplexität der Person Calmeyer so darzustellen, dass der Besucher sich selbst ein Urteil über dessen Fall bilden könne, so die Stadtverwaltung.

„Wir finden, dass der deutsche Staat kein Steuergeld für eine kontroverse Figur aufwenden soll“, so Knoop, der die Petition heute Mittag an den deutschen Botschafter in den Haag übergeben wird. Tatsächlich hatte die Bundesregierung Fördermittel für das Friedenszentrum zugesagt, obwohl selbst in Osnabrück über den ehemaligen Nationalsozialisten debattiert wird.