GESELLSCHAFT: Niederländische Schlachtereien sind Risiko-Brandherd für Corona-Infektionen

Den Haag, SW/NOS/VK, 27. Mai 2020

Durch das Corona-Virus werden zurzeit unverhohlen die Missstände der Fleischindustrie in den Niederlanden und Deutschland aufgezeigt. Neben den schlechten Bedingungen für oft von Jobagenturen beschäftigte Arbeitsmigranten geht es in der politischen und gesellschaftlichen Debatte auch um die allgemeine Gesundheit, das Tierwohl und einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln.


In der letzten Woche war der erste niederländische Fall bekannt geworden, bei dem sich innerhalb mehrerer Niederlassungen des Schweineschlachtbetriebs Vion Angestellte mit dem Covid-19-Virus infiziert hatten. Besonders pikant wurde die Situation dadurch, dass sich unter den 147 symptomlosen aber positiv Getesteten 79 in Deutschland lebende Mitarbeiter befanden. Laut der Behörden der Provinz Gelderland befinden sich allerdings mittlerweile alle Betroffenen in Quarantäne und konnten keine weiteren Infektionen nachgewiesen werden.


Dennoch rief der Vorfall die niederländische Ministerin für Landwirtschaft, Natur und Lebensmittelsicherheit, Carola Schouten (ChristenUnie), auf den Plan. In einem Gespräch mit den Vertretern der Branche wollte sie am Dienstagabend mehr über die Faktoren erfahren, die für die besonders schnelle Verbreitung des Virus in den Schlachtereien sorgen, und sich ein eigenes Bild machen.


Die Essenz der Diskussionsrunde lässt auf eine letzte Chance für die Industrie schließen. „Sie müssen zeigen, dass es sicher für ihre Mitarbeiter ist, zu arbeiten“, sagte Schouten den Pressevertretern im Anschluss, klare Lösungen erwartetend. Durch einen Massentest innerhalb der Branche soll das Ausmaß der Lage zunächst überprüft werden, die Schließung von Betrieben behält man sich weiterhin vor. Der Vorsitzende der zentralen Organisation der Fleischindustrie, Jos Goebbels, versicherte, auf die Forderungen der Regierung einzugehen und die bisherigen Verfahren zu überdenken. Ton Heerts von der zuständigen Institution in Gelderland bestätigt, dass die Bereitschaft zum Entgegenkommen, zumindest beim bisherigen Corona-Brandherd, gegeben sei: „Vion hat alle unsere Forderungen erfüllt und arbeitet gut mit.“ Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass das Problem bei den Arbeitsagenturen liege, von denen die Angestellten durch die Schlachtereien engagiert werden. Hier müssten gemeinsame Maßnahmen zwischen Branchenorganisationen, Arbeitgebern und Agenturen beschlossen werden und müsste ein intensiverer Informationsaustausch stattfinden. Der deutsche Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat in der Leiharbeit sogar den größten Missstand ausgemacht und in den letzten Tagen bereits verschiedene Gesetzesänderungen auf den Weg gebracht, die die Arbeitsbedingungen für ausländische Mitarbeiter entspannen sollen.


Die etwa zu 80 Prozent aus dem Ausland stammenden Arbeiter werden in der Regel in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht und mit Bussen zu den Betrieben gefahren, in denen sie, ebenso wie zuvor, die Wahrung des Mindestabstands nicht einhalten können. Besonders der niederländische Schweine- und Rindfleischsektor hat Schwierigkeiten, die staatlich geforderten Verhaltensregeln zu befolgen. Dem Geflügelsektor kommt zwar zu Gute, dass dessen Mechanisierung größere Abstände zueinander garantiert, jedoch wohnen und reisen dessen Angestellte ebenso wie in den anderen Sektoren gemeinschaftlich. Finanziell würde die Stilllegung von Betrieben die Branche und deren Export empfindlich treffen: Zu drei Viertel ist die Fleischindustrie vom Auslandsmarkt abhängig. Daneben würde auch die Frage aufkommen, was mit dem Schlachtvieh passiert. „Sie müssen davon überzeugt sein, dass das Tierwohl dann auch in ihrer Verantwortung liegt“, gab ein Sprecher von Ministerin Schouten bereits zu verstehen.


Der Schweineökonom Robert Hoste möchte gegenüber de Volkskrant den Teufel nicht an die Wand malen. Wenn ein Betrieb, wie in Deutschland, für eineinhalb Wochen schließe, sei dies noch überschaubar. Zur Allgemeinsituation hat er ebenfalls eine klare Meinung. Auch wenn er es gut finde, dass die „Lupe“ schnell auf den Sektor gehalten werde, ginge es momentan um nicht mal 200 der 45000 Corona-Infektionen in den Niederlanden. „So dramatisch ist es also offensichtlich noch nicht in den Schlachtereien.“