WIRTSCHAFT: Arbeitsmarkt weiterhin schwer von Corona-Krise betroffen

Den Haag, SW/NOC/NRC, 20. Mai 2020

Die Corona-Krise hinterlässt weltweit tiefe Spuren in den jeweiligen Ökonomien der Länder. In den Niederlanden erreichen die Zahlen teils historische Ausmaße, steigen doch seit März die Arbeitslosenzahlen und Sozialhilfeanträge rapide. Fraglich ist, ob die allmählichen Lockerungen der gesellschaftlichen Beschränkungen zu einer Entspannung der Situation führen können.


War zu Beginn des Lockdowns noch vor allem das Hotel- und Gastgewerbe und der Kultursektor betroffen, schlägt er sich mittlerweile auch auf die meisten anderen Branchen nieder. Die neuen Erkenntnisse resultieren aus den Daten des niederländischen Statistikamts (CBS) und der staatlichen Institution für Sozialhilfeausgaben (UVW). So wurden im April 74.000 neue Arbeitslosenhilfen bewilligt, 36.000 mehr als im März, was eine prozentuale Zunahme von 40 Prozent bedeutet. Bereits während der Finanzkrise 2008 musste man ähnliche Erfahrungen machen, jedoch setzt die jetzige Lage neue Maßstäbe: Im April vor 12 Jahren war der genannte Wert der Bewilligungen 30 Prozent niedriger als gegenwärtig.


Während die Arbeitslosenquote für den März noch als ungeeigneter Indikator für die Rezession diente, kann die veränderte Situation inzwischen auch an ihr abgelesen werden. Sie ist zwischen März und April von 2,9 auf 3,4 Prozent gestiegen - die größte monatliche Steigung seit der Datenerfassung 2003 und ein totaler Anstieg der Arbeitslosen um 15 Prozent auf 314.000 Menschen. Da lediglich jene Bürger in der Statistik erfasst sind, die sich aktiv um einen neuen Job bemühen und weitere streng definierte Kriterien erfüllen, tauchen hier nicht alle Fälle auf. Dafür gibt aber die Zahl der Beschäftigten eine sichere Auskunft: Diese ist um 160.000 auf 8,9 Millionen gesunken und stellt ebenfalls ein ungekanntes Tief dar.


Rob Witjes, Arbeitsmarktexperte des UVW, hatte gehofft, dass der allgemeine Rückgang im März aus einem der Panik der Arbeitgeber resultierenden Reflex entstanden ist, wie er gegenüber de Volkskrant mitteilt. „Aber die Zahlen vom April skizzieren ein sehr finsteres Bild.“ Dies hängt auch damit zusammen, dass zu den ohnehin betroffenen Wirtschaftssektoren weitere hinzugekommen sind, die im März noch unberührt von der Krise schienen: Das Bauwesen, die Landwirtschaft oder das Unterrichtswesen. Hauptbetroffene sind weiterhin insbesondere die Jüngeren und Personen mit niedrigem Bildungsgrad, weil sie oft über flexible Arbeitsverträge verfügen und vornehmlich in den besonders gebeutelten Branchen tätig sind. Für eine leicht positive Nachricht sorgt immerhin die Anzahl neuer offener Stellen, die sich nach einem deutlichen Rückgang langsam zu konsolidieren scheint.


Joop Schippers, Hochschullehrer für Arbeitsökonomie, äußert sich in de Volkskrant trotz allem unbeeindruckt: „Wenn man die 74.000 von dem Umfang der berufstätigen Bevölkerung absetzt und beispielsweise mit Amerika vergleicht, ist es noch ziemlich überschaubar.“ Hauptsächlich sei die Entwicklung der Lage in den nächsten Monaten von der weiteren Lockerung der Corona-Beschränkungen und des neuen Hilfspakets des Kabinetts abhängig. Er glaube zwar nicht, dass sich der Arbeitsmarkt innerhalb kürzester Zeit regeneriere, schließe allerdings auch nichts aus: „Diese Krise ist so anders, dass es nichts vorherzusagen gibt.“