KULTUR: Dodenherdenking und Bevrijdingsdag ohne Publikum

Amsterdam, TA/NOS/VK, 05. Mai 2020

Die gestrigen Feierlichkeiten zur Nationale Dodenherdenking, dem Nationalen Totengedenktag, waren in zweierlei Hinsicht einmalig in der Geschichte. Einerseits mussten sie aufgrund der Schutzmaßnahmen gegen das SARS-CoV-2-Virus ohne Publikum stattfinden, andererseits hielt der niederländische König Willem-Alexander zum ersten Mal eine Rede an diesem wichtigen Tag, an dem allen niederländischen Kriegsopfern und Gestorbenen seit Beginn des Zweiten Weltkrieges gedacht werden soll. Auch am heutigen bevrijdingsdag (deutsch Befreiungstag) dürfen keine großen, öffentlichen Zusammenkünfte stattfinden.

„In dieser außergewöhnlichen Situation haben wir alle einen Teil unserer Freiheit aufgeben müssen“, sagte König Willem-Alexander auf dem Dam in Amsterdam, auf dem jedes Jahr am 4. Mai die nationale Gedenkfeier am Nationalmonument stattfindet. Seit dem Krieg hätten die Niederländer eine derartige Situation nicht miterlebt. Er verwies auch auf die Holocaustüberlebenden und die schrecklichen Zustände, die sie durchleben mussten. Wenn sie das geschafft haben, könnten die Niederländer auch die jetzige Situation durchstehen. Gemeinsam könne man es schaffen, so der König.

Obwohl das Ende des Krieges nun 75 Jahre zurückliegt, sprach der König von einer gewissen Aktualität des Themas für die Gegenwart. Zwar habe die jetzige Generation den Krieg nicht selbst miterlebt, er lebe jedoch in uns weiter. Das Mindeste, was man heutzutage tun könne, sei, nicht wegzuschauen, nichts zu beschönigen und den Rechtsstaat, der der einzige Schutz gegen Willkür und Wahnsinn sei, wertzuschätzen und zu beschützen.

Die Worte des Königs waren eine historische Premiere, da noch nie ein niederländisches Staatsoberhaupt während der Feierlichkeit zum 4.  Mai eine Rede gehalten habe, so die Tageszeitung NRC Handelsblad. Dabei äußerte der König sich auch kritisch zur Rolle seiner Großmutter Königin Wilhemina während des Krieges. Zwar habe sie sich aus ihrem Exil in London gegen die Nazis ausgesprochen und feurige Reden gegen sie gehalten, die Judenverfolgung habe sie jedoch so gut wie nicht erwähnt. Dadurch hätten sich Mitmenschen in Not im Stich gelassen gefühlt. „Das ist etwas, das mir keine Ruhe lässt“, sagte der König gestern und entschuldigte sich im Namen der niederländischen Obrigkeit für die Handlungen der Regierung in Kriegszeiten. Laut dem NRC Handelsblad habe sich noch nie ein Mitglied des Königshauses in der Öffentlichkeit derart kritisch über die ehemalige Königin Wilhelmina geäußert.

Neben dem König und seiner Frau waren unter anderem auch der niederländische Premierminister Mark Rutte (VVD) und die Amsterdamer Bürgermeisterin Femke Halsema (GroenLinks) während der Feierlichkeiten auf dem Dam anwesend. Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des SARS-CoV-2-Virus‘ durften jedoch keine Zuschauer vor Ort live mit dabei sein. Eigentlich hätte um 20 Uhr auch eine öffentliche, zweiminütige Schweigeminute abgehalten werden sollen. Stattdessen wurden die Niederländer ermutigt, die Schweigeminute in ihren Häusern abzuhalten und anschließend bei geöffneten Türen und Fenstern die niederländische Nationalhymne, das Wilhelmus, zu singen.

Am heutigen bevrijdingsdag (deutsch Befreiungstag) mussten viele Festivals, Konzerte oder sonstige Feierlichkeiten abgesagt werden. Wie schon am Königstag, der in diesem Jahr virtuell gefeiert wurde, sollten die Niederländer stattdessen online ihrer Freude über die Befreiung und ihrer Trauer über die Verstorbenen Ausdruck verleihen. So kann man digital an jedem der 4.000 niederländischen Kriegsdenkmäler Blumen ablegen, um seine Anteilnahme zu zeigen. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte am heutigen Dienstag im Kunstmuseum in Den Haag eine Lesung halten sollen, die jedoch ebenfalls nicht stattfinden kann.

Auch das traditionelle vrijheidsvuur (deutsch Freiheitsfeuer) wurde ohne Publikum entzündet. So entfachten Staatssekretär Paul Blokhuis (ChristenUnie) und Geert van Rumund (PvdA), Bürgermeister der Stadt Wageningen, das Freiheitsfeuer vor dem Hotel De Wereld, in dem die Deutschen 1945 mit den Alliierten über die Kapitulation in den Niederlanden verhandelten, schreibt die NOS.