GESELLSCHAFT: So gut wie alle minderjährigen Asylsuchenden aus Vietnam verschwinden

Den Haag, SW/NOS/NRC, 26. März 2020

Das Expertisezentrum Menschenhandel und Menschenschmuggel (EMM) hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, nach der zwischen 2015 und 2019 97 Prozent aller minderjährigen, asylsuchenden Vietnamesen aus niederländischen Aufnahmelagern verschwunden sind. Der Nationale Berichterstatter für Menschenhandel und Sexuelle Gewalt, Herman Bolhaar, möchte mehr tun, um die schutzbedürftigen Kinder dazubehalten.


Durch eine Sendung des Radioprogramms Argos im Frühjahr 2019 wurde der Stein ins Rollen gebracht. Dort gab man an, dass in den vergangenen fünf Jahren circa 60 vietnamesische Kinder aus Aufnahmeeinrichtungen verschwunden seien. Grund genug für Bolhaar und das Parlament, eine Untersuchung in die Wege zu leiten.


Mehr als ein Drittel der vietnamesischen Minderjährigen fliege in die Niederlande mit falschen Dokumenten, wodurch ihre Reiseroute schnell undeutlich werde. Obwohl sie danach in sogenannten Beschützten Aufnahmezentren untergebracht seien, in denen von Menschenhandel oder Rachegelüsten bedrohte Personen unter verschärften Regeln verweilen, seien achtzig von ihnen innerhalb von vier Jahren verschwunden. Die Hälfte der Kinder verlasse die Einrichtungen bereits in den ersten zwei Wochen. Ziel von ihnen sei es, in das Vereinigte Königreich zu kommen, wo oft Familienmitglieder wohnten und wo sie illegale Arbeit ausüben könnten. Insgesamt seien in den letzten zehn Jahren mehr als 2500 Kinder aus Asylsucherzentren weggelaufen.


Die Strafverfolgungsbehörden bekämen das Problem derweil nicht in den Griff, denn obwohl es Hinweise auf eine Verbindung zwischen den Vermissten und Menschenhändlern gäbe, würden Ermittlungen oft wegen geringen Know-Hows, fehlender Zeit oder anderer Prioritäten eingestellt werden. Dies liege laut dem Bericht des EMM auch daran, dass es keinen gemeinsamen Informationspunkt und demzufolge ein Kompetenzgerangel verschiedener Behörden wie dem Grenzschutz und der Polizei gäbe. Die Folge: ein klares Bild der Gruppe vietnamesischer Minderjähriger fehle, während nicht jeder Vermisstenfall die gleiche Dringlichkeit erfahre. Daneben befolgten die betroffenen Institutionen nicht immer ein „Vermisstenprotokoll“, auch weil sie nicht über die genaue Verfahrensweise bei einem entsprechenden Fall Bescheid wüssten.


Ein weiteres Hindernis stelle laut der Untersuchung dar, dass organisierter Menschenhandel nur schwer nachzuweisen sei. Zwar seien von der Polizei minderjährige Vietnamesen als Arbeitskräfte im Hanfanbau entdeckt worden, jedoch habe man keinen Anlass gesehen, in diese Richtung weiter zu ermitteln. Darüber hinaus gerieten von Zeit zu Zeit auch Nagelstudios in den Verdacht der staatlichen Vertreter, aber auch hier käme es, aufgrund des Mangels an Ressourcen, nur selten zu Verurteilungen und zur konsequenten Verfolgung.


Die Mitarbeiter der Aufnahmeeinrichtungen berichteten, dass sie in der Zeit vor dem Verschwinden unbekannte Personen vor den Gebäuden vermerkten. Auch die Kinder würden sich anders verhalten: es herrsche Unruhe und die Heranwachsenden würden mit Jacken und Taschen herumlaufen und schlafen. Obwohl die Einrichtungen verschiedene Maßnahmen ergriffen hätten, um der Situation Einhalt zu gebieten, würden noch immer alle vietnamesischen Bewohner abtauchen.


Der Staatssekretär Broekers-Knol vom Ministerium für Justiz und Sicherheit verkündete zwar dem Parlament, dass das Thema weiterhin nationale und internationale Aufmerksamkeit genieße, Berichterstatter Bolhaar sieht darin allerdings wenig Positives: „Die Herangehensweise bleibt unverändert, was angesichts der Dringlichkeit des Problems und der Verwundbarkeit dieser Gruppe Kindern nicht zu verstehen ist“.