GESUNDHEIT: Meiste Corona-Tote waren nicht auf Intensivstationen – Kliniken bereiten sich auf Ausnahmezustand vor

Den Haag, SW/NOS/VK, 19. März 2020

Drei Viertel aller gestorbenen Corona-Infizierten in den Niederlanden wurden nicht intensivmedizinisch betreut. Dies liegt erstens an dem starken Anstieg der zu behandelnden Personen und zweitens an den Einigungen zwischen Ärzten und alten oder sich in schlechtem körperlichem Zustand befindlichen Patienten, eine andere medizinische Versorgung sicherzustellen.


14 der 58 an Covid-19 erkrankten, landesweiten Todesopfer lag zuvor auf Intensivstationen, der Rest ist in normalen Krankenhausabteilungen, in Pflegeheimen oder zu Hause gestorben, so die niederländische Vereinigung für Intensivversorgung (NICE). „Wenn der Patient sehr alt ist, ein schlechtes Herz hat und in den letzten Monaten bereits drei Operationen mitgemacht hat, dann kann der Arzt manchmal zusammen mit der Familie beschließen, dass es nicht sinnvoll ist, ihn auf der Intensivstation zu behandeln“, sagt Diederik Gommers, Vorsitzender der Vereinigung.


Insgesamt liegen zurzeit 177 Personen auf den Intensivstationen – ein Anstieg um 27 Prozent gegenüber dem vorgestrigen Dienstag. Deshalb sei es laut Bart Berden, Vorstandschef eines Krankenhauses in Tilburg, gut, dass Pflegeeinrichtungen sorgsam abwägten, ob sie einen Patienten in ein Hospital einliefern würden oder nicht: „Ein 85-Jähriger mit Corona wird vielleicht nie mehr selbstständig am Leben bleiben können. Die Frage ist: welchen Wert hat man dann einem Leben gegeben?“. Er fügt jedoch an, dass die Pflegeinstitutionen sehr sorgfältig mit dieser Frage umgehen würden.


Vor allem in der stark betroffenen Provinz Brabant wird die Lage bezüglich der Bettenanzahl langsam kritisch. Deshalb würden nun die ersten Patienten in andere Kliniken transportiert werden. „Wir haben abgesprochen, dass Krankenhäuser sich nicht erst melden, wenn sie zu 95% voll sind“, so Berden. Gommers sieht es sogar als sinnvoll an, die Erkrankten in den Norden und Osten der Niederlande zu befördern, um so die anderen Landesteile zu entlasten – die Randstad-Region im Westen wird als neue Risikoregion erwartet. Für Bart Berden sollte dies allerdings gut überlegt sein: „Es hat eine große Tragweite, wenn ein Patient mit Kindern und Enkeln aus Tilburg auf einmal in Groningen liegt“.


Für die intensivmedizinische Versorgung weiterer Niederländer wird derweil geplant. Gegenwärtig gäbe es 1150 Betten auf Intensivstationen, wovon 575 für Corona-Infizierte vorgesehen wären. In einer absoluten Ausnahmephase könnte der Anteil jedoch auf 1500 bis 2000 Betten hochgestuft werden, so Gommers. Das Krankenhauspersonal würde momentan für die besondere Betreuung nachgeschult werden, käme aber im Krisenfall an seine Grenzen, sodass nur noch absolute Notfälle, neben den Covid-19-Erkrankten, behandelt werden könnten.


Weiterhin würden dann aber noch immer 500 Beatmungsgeräte gebraucht werden, während die Beschaffung von Mundschutzen weiterhin ein großes Problem darstelle (NiederlandeNet berichtete bereits). „Wir kommen immer näher an den Punkt, dass die Versorgung durch den Mangel an Schutzmitteln nicht mehr ausreichend gewährleistet werden kann“, muss Berden eingestehen.