GESELLSCHAFT: Ehemalige “Tabuthemen” Kolonialismus und Sklaverei werden in Schulbüchern stark thematisiert

Den Haag, SW/NOS/NRC/VK/Trouw, 03. März 2020

Der Umgang mit der Kolonialvergangenheit und die Rolle als Sklavenhandel treibende Nation sind immer wieder Gegenstand kontroverser Debatten in den Niederlanden. Das Vorurteil, dass Schülerinnen und Schüler zu wenig mit den Taten ihrer Vorfahren konfrontiert werden, um einen positiven Blick auf die Historie zu bewahren, herrscht noch stets vor. Eine Studie des Geschichtsmagazins “Historisch Nieuwsblad” zeichnet nun aber ein anderes Bild.

Den unmittelbaren Anlass für eine nähere Befassung mit der Thematik stellte die Kritik der UN-Botschafterin für Rassismus und Xenophobie, Tendayi Achiume dar. Bei einem Besuch in Den Haag im Oktober 2019 warb sie für eine nähere Befassung mit Kolonialismus und Sklaverei in niederländischen Geschichtsbüchern.

In der Untersuchung des Historisch Nieuwsblad wurden sieben Lesematerialen unterschiedlicher weiterführender Schulen untersucht. Das Ergebnis: neun Prozent des Lehrstoffs befasst sich mit dem Kolonialismus und vier Prozent mit der Sklaverei, während der Holocaust einen Anteil von 2 Prozent einnimmt. Neben der Schwerpunktsetzung auf den „Schattenseiten“ der Geschichte würden die Schülerinnen und Schüler auch dazu ermutigt werden, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden und über Rassismus und Wiedergutmachung nachzudenken. Eine noch größere Akzentuierung der Themen sei dagegen nicht möglich, da sich die Verlage der Bücher an staatliche Richtlinien halten, wonach alle Perioden von der Urgeschichte bis zur Gegenwart abgedeckt sein müssten.

Daneben ging man in der Datenerhebung auch der in den Niederlanden populären Behauptung auf den Grund, dass der Geschichtsunterricht zu positiv, zu nationalistisch und zu männlich sei. Dazu wurden nicht nur die „schwarzen Seiten“, die eine unverblümte historische Darstellung beinhalten, sondern auch die Emanzipation der Frau und die globale historische Entwicklung erfasst.

Den Frauen käme in dem Lehrmaterial dabei eine Nebenrolle zu: nur ein Zehntel des Stoffs besitze eine weibliche Integration. „Aufgrund der jahrhundertelangen Unterordnung der Frauen ist es logisch, dass sie […] stark unterrepräsentiert sind“, wird die Redaktion des Magazins in der Tageszeitung  de Volkskrant zitiert. Dieses Ungleichgewicht solle zum Teil, anhand von Übungen, durch eine intensive Befassung mit der Rolle der Frau in den verschiedenen Zeiträumen und Gesellschaften neutralisiert werden.

Obwohl Australien und Ozeanien in den Unterrichtsmaterialen gänzlich fehlten, erzähle keines der Bücher eine überwiegend nationale Geschichte, so die Redakteure des Historisch Nieuwsblad. Weniger als ein Viertel der Buchinhalte habe die Geschichte der Niederlande zum Thema, dagegen nehme die Historie Westeuropas 36 Prozent ein. Osteuropa, Asien und Nordamerika kämen in fünf bis sechs Prozent der Seiten vor, Afrika und Südamerika immerhin noch in zwei Prozent.

Die Journalisten ziehen als Fazit, dass die Begriffe Kolonialismus, Sklaverei, Frauen und Weltgeschichte zentral platziert worden seien und dass die Autoren auf die Entwicklungen in den Diskussionen von Medien und Wissenschaft in ihren Werken eingingen. Trotzdem liege, laut dem Herausgeber Henk de Koning, die Vermittlung der Themen auch immer in der Verantwortung der Lehrkräfte. Sie könnten Seiten überspringen oder bestimmte Punkte in den Vordergrund stellen.