KULTUR: Niederländischen Bibliotheken geht das Geld aus

Den Haag, SW/NOC/NRC, 11. Februar 2020

Seit einigen Jahren wenden niederländische Gemeinden immer weniger Geld für die Instandhaltung ihrer Bibliotheken auf. Dies hat nicht nur zur Folge, dass sich ihre Anzahl verringert, sondern auch, dass inzwischen in manchen Orten eine öffentliche Bibliothek gänzlich fehlt. Um dem Trend entgegenzuwirken, ist der Raad voor Cultuur (dt: Kulturrat) nun mit einem Vorschlag an das zuständige Ministerium herangerückt.


In 16 der 355 Gemeinden in den Niederlanden ist die Bibliothek nicht vollständig funktionsfähig, in fünf mussten die Büchereien wegen Geldmangels schließen. Der Raad voor Cultuur sieht dies als großen Missstand an: „Öffentliche Bibliotheken sind wichtig für Wissensvermittlung und müssen einen Raum für Menschen bieten, um sich zu treffen und über Dinge zu diskutieren“, sagt die Vorsitzende Marijke van Hees.


Die Entwicklung zeichnet sich bereits seit 2005 ab. Damals gab es noch 341 öffentliche Mediensammlungen, während diese bis 2018 sukzessive auf 146 geschrumpft sind. Schuld sind daran vor allem die geringeren Investitionen in die Einrichtungen. Vor zehn Jahren wurde noch 19 Prozent mehr Geld für die Instandhaltung aufgewendet. Dies steht auch im Zusammenhang mit einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2015: das „Bibliotheksgesetz“ übergab die Verantwortung vom Staat in die Hände der Gemeinden. „Bei Einsparungen wird als erstes auf kulturelle Maßnahmen, wie Bibliotheken, geguckt“, so van Hees gegenüber der niederländischen Rundfunkanstalt NOS. Der Raad voor Cultuur möchte deshalb durchsetzen, dass eine zusätzliche Passage in das Gesetz mit aufgenommen wird, das die Verantwortlichen in den jeweiligen Orten zu einer finanziellen Unterstützung der Büchereien zwingt. Falls dies nicht durchsetzbar sei, sollten die Gemeinden zusammenarbeiten, um die Erreichbarkeit und den Zugang für Bürger aufrecht zu erhalten.


Besonders verheerend stellt sich die Situation vor dem Hintergrund dar, dass eine internationale PISA-Studie aus dem letzten Jahr eine Leseschwäche bei jungen Niederländern zum Ergebnis hatte. Demnach kann beinahe ein Viertel aller 15-jährigen nicht sinnverstehend lesen, wodurch die Niederlande zwischen 2015 und 2018 diesbezüglich unter den europäischen Durchschnitt gefallen ist. Darüber hinaus ist auch die Lust zu Lesen überwiegend begrenzt: fast die Hälfte aller Jugendlichen betrachtet es als eine Zeitverschwendung und 60 Prozent lesen nur dann, wenn es sein muss. Mit diesen Zahlen liegt das Benelux-Land unter den Teilnehmern auf dem letzten Rang.


„Es ist bewiesen, dass Kinder besser lesen, wenn sie dazu stimuliert werden“, sagt van Hees. Die Bibliotheken würden dabei eine große Rolle spielen. Ersteres könnte auch notwendig sein, da das Leseverstehen in niederländischen Schulen als gesondertes Fach gesehen wird, losgelöst von Allgemeinbildung. Dieses Basiswissen sei aber gemäß Erik Meester, Mitarbeiter der Radbout Universiteit in Nimwegen, die Voraussetzung für ein erfolgreiches Sinnverstehen.