GESUNDHEIT: Bald Sterbehilfe für Personen ohne ernste Erkrankungen?

Den Haag, TA/NRC/NOS/VK/Trouw, 04. Februar 2020

2002 wurde in den Niederlanden das Sterbehilfegesetz eingeführt, mit dessen Hilfe Niederländer mit unheilbaren, schweren Erkrankungen unter gewissen Umständen ihr Leben beenden können. Ein wichtiges Kriterium für Sterbehilfe ist „aussichtsloses und unerträgliches Leiden“ der betroffenen Person. Es gibt in den Niederlanden jedoch auch eine Gruppe von rund 10.000 Menschen über 55, die zwar nicht ernsthaft krank sind, aber trotzdem den Wunsch verspüren, ihr Leben zu beenden. Hierzu wurde am vergangenen Donnerstag eine Studie veröffentlicht, auf die die niederländische Regierung lange gewartet hat. Seit Jahren gibt es in den Niederlanden eine Debatte um eine Erweiterung des Sterbehilfegesetzes.

Die genannte Studie wurde von einem Ausschuss unter Leitung von Universitätsdozentin Els van Wijngaarden unter 21.000 Niederländern durchgeführt. Aus den Ergebnissen dieser relativ großen Stichprobe konnten die Wissenschaftler den Wert auf die gesamte niederländische Bevölkerung hochrechnen, woraus sich die genannten 10.000 Personen ergeben (circa 0,18 Prozent der gesamten Bevölkerung). Aus Interviews mit Betroffenen und einem Fragebogen, der an Hausärzte verteilt wurde, zeigt sich vor allem, dass diese Thematik inhaltlich komplizierter und breitgefächerter ist, als zuvor angenommen. So ist der Wunsch, sich das Leben zu nehmen, bei vielen der 10.000 Personen über 55 nicht immer konstant und gleich ausgeprägt. Bei Zweidrittel dieser Personen wechselt sich der Wunsch nach Leben oder Tod gegenseitig ab. So verspüren manche Personen im Winter einen stärkeren Todeswunsch als im Sommer, bei anderen hängt die Intensität dieses Wunsches auch von der Häufigkeit sozialer Kontakte ab. Ebenso spielen die finanzielle Situation der Betroffenen und Altersschwäche eine Rolle.

Diese Ergebnisse erscheinen auf den ersten Blick vor allem eine Bestätigung der Gegner eines ausgeweiteten Sterbehilfegesetzes zu sein. Sie sind der Auffassung, dass eine lebensbeendende Tablette keine Lösung für die Probleme dieser Personen darstellen sollte, sondern vielmehr verbesserte Pflege (durch Angehörige) oder ausgebreitete Sozialkontakte, um Einsamkeit zu bekämpfen. Nichtsdestotrotz zeigten die Ergebnisse dieser Studie aber auch, so die Tageszeitung de Volkskrant, dass eine Gruppe von Menschen übrig bleibe, die manchmal jahrelang keinen Sinn mehr darin sehen, weiterzuleben. Für diese Personen müsse eine humane, friedliche und legale Lösung gefunden werden. Aus der Studie geht auch hervor, dass viele Betroffene gerne die Möglichkeiten hätten, ihr Leben zu beenden, wenn sie dies wollten, aber noch keine konkreten Absichten dahingehend haben.

Die Kommission, die diese Studie vorstellte, äußert auf Basis ihrer Ergebnisse keine klaren Empfehlungen oder Ratschläge an die Politik, sondern nennt lediglich „Schwerpunkte“, auf die Politiker ihr Augenmerk richten sollten. Vor allem die Ambivalenz, die bei vielen Menschen vorherrscht, müsse Beachtung finden. Man könne sehr unterschiedliche Dinge meinen, wenn man den Wunsch äußere, sein Leben beenden zu wollen.

Das niederländische Parlament und die niederländische Gesetzgebung stehen nun vor der Aufgabe, eine geeignete Lösung zu finden. Sowohl Befürworter als auch Gegner eines ausgebreiteten Sterbehilfegesetzes können in der Studie Argumente für ihren Standpunkt finden. CDA und ChristenUnie äußern sich strikt gegen eine solche Ausweitung des Gesetzes, während beispielsweise die größte Regierungspartei VVD noch zweifelt. Pia Dijkstra von den D66 will in den kommenden Wochen einen Gesetzesentwurf einreichen. GroenLinks unterstützt sie in diesem Vorhaben, während Parteien wie SGP, SP oder DENK kritisch gegenüber einem solchen Entwurf sind.