GESELLSCHAFT: Rutte entschuldigt sich für das Versagen der niederländischen Regierung während des Holocausts

Amsterdam, TA/VK/NRC/Trouw, 28. Januar 2020

Während der Nationalen Holocaustgedenkfeier in Amsterdam kam es zu einem historischen Schritt des niederländischen Premierministers Mark Rutte: Er entschuldigte sich für die Haltung der Niederlande zur Zeit der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg.

„Jetzt, wo die letzten Überlebenden noch unter uns sind, entschuldige ich mich heute im Namen der Regierung für die damaligen Handlungen des Staates. Das mache ich in dem Wissen, dass kein Wort so etwas großes und schreckliches wie den Holocaust umfassen kann“, sagte Rutte während der Feierlichkeiten am vergangenen Sonntag. Damit ist er der erste niederländische Premierminister, der die jüdischen Überlebenden des Holocausts in solchem Umfang um Entschuldigung bittet. Rutte sagte auch, dass die niederländischen Institutionen und die Regierung mehrmals beim Schutz ihrer eigenen Bürger und als Hüter von Recht und Sicherheit versagt hätten. Zu viele Funktionäre hätten die Befehle der Besetzer ausgeführt. Die bitteren Folgen der Registrierung und Deportation seien nicht rechtzeitig erkannt worden.

Eine vergleichbare Geste blieb seitens der Niederlande bisher immer aus. Auch deswegen sind die Zugeständnisse Ruttes während der Feierlichkeiten historisch sehr bedeutend. Die Rede Ruttes zeigt auch, wie sich das Selbstbild der Niederlande in Bezug auf die Besatzungszeit während des Zweiten Weltkrieges gewandelt hat. In den ersten Jahrzehnten nach 1945 sahen sich die Niederlande vor allem als Land des Widerstandes gegen die deutschen Besatzer und gegen die Judenverfolgung. Im Verlauf der Jahre hat die Scham über die eigene Rolle jedoch immer mehr zugenommen. Grund dafür war, dass das Bild eines Landes voller Widerstandskämpfer durch ein realistischeres Bild ersetzt wurde. Die Niederlande waren beispielsweise das einzige westeuropäische, von Deutschland besetzte Land, in dem Dreiviertel der jüdischen Bevölkerung ermordet wurde. Laut Historikern arbeiteten die niederländische Polizei und die niederländische Eisenbahngesellschaft Hand in Hand mit den Nazis. Auch viele Bürger schauten bewusst weg bei dem, was sich vor ihrer Haustür oder in ihrer Nachbarschaft abspielte. Dadurch wurden die Niederlanden laut der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant zu einem Land der „schuldigen Mitläufern“.

Zu einer Entschuldigung hätten diese Einsichten bisher jedoch nicht geführt, so de Volkskrant weiter. Zwar gab es in der Vergangenheit Eingeständnisse seitens der Niederlande, diese waren jedoch nicht so weitreichend wie die Entschuldigung Ruttes am vergangenen Sonntag. 1995 sprach beispielsweise die damalige Königin Beatrix davon, dass Niederländer mit jüdischen Wurzeln zu wenig Hilfe von ihren Mitbürgern bekommen hätten. Im Jahr 2000 entschuldigte sich die damalige Regierung unter Wim Kok für den „kühlen Empfang“, der jüdischen Überlebenden bei ihrer Rückkehr in ihre niederländische Heimat gemacht wurde. Das Kabinett stellte damals 400 Millionen Euro für die jüdischen Kriegsopfer zur Verfügung. Zu einer umfassenderen Entschuldigung kam es jedoch nicht. 2012 forderte Geert Wilders (PVV) die Regierung zu einer solchen Entschuldigung auf. Ihm zufolge habe die niederländische Exilregierung in London bewusst den Blick vor der Judenverfolgung abgewandt.

Der Centraal Joods Overleg, der Interessenvertreter der jüdischen Gemeinde der Niederlande, nannte die Entschuldigung Ruttes „spät“, da viele Hinterbliebenen mittlerweile verstorben seien. Gleichzeitig würde diese Geste jedoch auch helfen, das verletzte Vertrauen wieder herzustellen.