GESELLSCHAFT: Grapperhaus will niedrigere Hürden für Dolmetscher – vereidigte Dolmetscher streiken

Den Haag, TA/VK/NRC, 15. Januar 2020

Sie sind für die Abwicklung von Gerichtsverhandlungen oder anderen rechtsstaatlichen Prozeduren häufig unerlässlich: Dolmetscher. Nun plant Minister Grapperhaus (CDA) jedoch, auch Dolmetscher mit geringeren Qualifikationen für Regierungsangelegenheiten zuzulassen. Daher streiken diese Woche 1.500 vereidigte Dolmetscher in den Niederlanden. Dadurch stehen unter anderen Gerichtsverhandlungen oder Asylverfahren still.

Justizminister Ferdinand Grapperhaus will künftig das Verzeichnis der beeidigten Dolmetscher für Personen mit geringeren Qualifikationen mit einem niedrigeren Sprachniveaus öffnen. Gleichzeitig sollen Dolmetschertätigkeiten bald öffentlich über kommerzielle Büros ausgeschrieben werden. Bisher nutzen Regierungsinstitutionen ein Register von Dolmetschern, die vereidigt sind, mindestens über ein C1-Niveau verfügen und sich regelmäßig in Schulungen weiterbilden. Die Anforderungen an diese Dolmetscher sind also sehr hoch. Nur in Ausnahmefällen, wenn kein Dolmetscher aus diesem Register für eine Tätigkeit zur Verfügung steht, dürfen bisher Dolmetscher mit einem niedrigeren Niveau beauftragt werden.

Nun will Grapperhaus, dass sich diese Praxis ändert. Daher fürchten vereidigte Dolmetscher um ihren Lebensunterhalt. Ihrer Meinung nach sei das Öffnen des Registers und die Ausschreibung über kommerzielle Büros keine Lösung für den Mangel an qualifizierten Dolmetschern. Solche Büros würden sehr hohe Tarife verlangen, von denen jedoch nur ein Bruchteil an die jeweiligen Dolmetscher ausgezahlt werde. Gleichzeitig werde durch diese Regelung die Qualität des Dolmetschens abnehmen. Aus Protest streikten daher 1.500 Dolmetscher und nehmen die ganze Woche lang keine Aufträge von Regierungsinstitutionen an. Rechtlich gesehen haben Personen, die kein Niederländisch sprechen, das Rech auf einen Dolmetscher, daher können in den nächsten Tagen viele Gerichtsverhandlungen, Polizeiverhöre oder Asylverfahren nicht stattfinden.

Eigentlich sollen diese Änderung dazu führen, dass mehr Dolmetscher zur Verfügung stehen und Prozesse somit schneller durchgeführt werden können. Allerdings fürchten viele beeidigte Dolmetscher, dass ihre Kollegen durch starke Konkurrenz und sinkende Stundentarife nicht länger in ihrem Beruf arbeiten können. „Jetzt arbeiten wir für einen Minimumtarif von 43 Euro brutto die Stunde. Davon müssen wir Schulungen, Versicherung und andere Sozialabgaben bezahlen. Davon bleiben dann vielleicht 10 Euro übrig“, äußerte sich Ani Getcheva, Dolmetscherin für Bulgarisch in der Tageszeitung de Volkskrant. Aristides Stamatiou, Dometscher für Deutsch, Englisch und Französisch, sagte in der Tageszeitung NRC Handelsblad, dass niemand mitbekomme, wie wichtig die Arbeit der Dolmetscher eigentlich sei, da man immer im Hintergrund tätig sei. Ohne Dolmetscher seien die Dinge, auf die beispielsweise die Staatsanwaltschaft so stolz sei, überhaupt nicht möglich.

Anstatt den Markt für Arbeiten bei Regierungsinstitutionen für alle Dolmetscher zu öffnen, müssten die Stundentarife erhöht werden. Dadurch werde es für qualifizierte Dolmetscher attraktiver, Aufträge vom niederländischen Staat anzunehmen. Sie verweisen auf das deutsche System, in dem der Tarif bei rund 70 Euro pro Stunde liegt.

Die betroffenen niederländischen Dolmetscher demonstrieren daher die ganze Woche lang vor verschiedenen Gerichtsgebäuden in den Niederlanden. Ein Regierungssprecher sagte gegenüber dem NRC Handelsblad, dass man alles unternehme, um das Niveau so hoch wie möglich zu halten. Man wolle die Zusammenarbeit mit den Dolmetschern gut und konstruktiv fortsetzen.