STICKSTOFFKRISE: Auch die Luftfahrt wird ausgebremst

Amsterdam, EF/NRC/NOS, 15. Januar 2020

Immer mehr niederländische Branchen bekommen die Auswirkungen der Stickstoffkrise zu spüren. Anfangs waren es die Landwirte, dann das Baugewerbe und schließlich musste auch der Autofahrer sein Fahrverhalten auf das neue Tempolimit 100 anpassen. Doch damit ist es noch nicht getan. Aktuell wird die Luftfahrtbranche näher unter die Lupe genommen. Sollte die Regierung dem Rat des ehemaligen Ministers Johan Remkes Folge leisten, drohen die Wachstumspläne des Flughafens Schiphol zu scheitern. Auch die Öffnung des Flughafens in Lelystad für Urlaubsflüge ist gefährdet.

In einem speziellen Stickstoffbericht, der der Luftfahrtindustrie gewidmet ist, schreibt die Kommission um Remkes, dass ein Wachstum „verdient“ werden müsse. „Ein Wachstum ist in der heutigen Situation nur dann möglich, wenn die Stickstoffemissionen aus dem Luftverkehr sinken“, heißt es seitens der Autoren dieses Berichts. Ein konkretes Verbot von zusätzlichen Flügen wurde damit nicht ausgesprochen. Sollte die Flugbranche nachhaltiger und der Ausstoß von Stickstoff reduziert werden, stünde einem Anstieg der Flüge nichts im Wege. Dies sei laut der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad aber nur ein bitterer Trost für die beiden Flughäfen, da Schiphol schnellstmöglich die Anzahl der Flüge von 500.000 auf 540.000 pro Jahr anheben will und der Flughafen Lelystad rasch von den lukrativen Urlaubsflügen profitieren möchte.

Dass auch die Luftfahrtbranche einen Beitrag zu der Verminderung der Stickstoffemissionen leisten soll, steht bereits während der gesamten Stickstoffdebatte zur Diskussion. So haben die Landwirte, die nach wie vor die Branche mit den höchsten Stickstoffemissionen bilden, während ihrer Demonstration auf dem Maliveld in Den Haag gefordert, dass man auch Schiphol Auflagen auferlegen müsse, um Stickstoff zu vermeiden. Der Beratungsausschuss könne sich durchaus vorstellen, dass auch die Flughäfen, die auch für Klima- und Umweltschäden mitverantwortlich sind, Maßnahmen ergreifen müssen. Der Stickstoffausstoß sei jedoch, so der Ausschuss, mit einem Anteil von rund einem Prozent bezogen auf den gesamten Stickstoffausstoß der Niederlande sehr gering.

Nichtsdestotrotz ist der Ausschuss um Remkes der Meinung, es sei nur „fair gegenüber den anderen Sektoren“, dass auch der Luftfahrtsektor die Stickstoffemissionen reduziere. Darüber hinaus sei der Ausstoß schließlich auch höher als bislang angenommen. Andere Institute hatten den Anteil des gesamten Stickstoffausstoßes des Luftverkehrs bisher mit 0,1 Prozent beziffert, da sie den Stickstoff oberhalb der 3.000-Fuß- bzw. 914-Meter-Grenze nicht mitberechnet hatten. Ein weiterer Effekt auf die Stickstoffbilanz, dessen Ausmaß bislang noch nicht bekannt ist, ist der Stickstoffausstoß derjenigen Autos, die zum Flughafen hin oder vom Flughafen aus zurückfahren.

Die Kommission sieht verschiedene Möglichkeiten zur Begrenzung der Emissionen. Dazu gehört unter anderem elektrisches Taxiing bzw. Rollen, eine Erneuerung der Flotten mit leichteren und effizienteren Flugzeugen, die Reduzierung der Anzahl der Flüge und die Unterbindung umweltschädlicher Flüge. Für eine Verminderung des Stickstoffausstoßes oberhalb der 3000-Fuß-Grenze müsse man, so der Ausschuss, eine internationale Lösung finden.

Schiphol äußert sich ebenfalls zu diesem Bericht und gibt an, damit beginnen zu wollen, die Empfehlungen des Ausschusses umzusetzen. „Mit diesem praktikablen Rat erteilt das Komitee einen klaren Auftrag“, sagt Schiphol-CEO Dick Benshop in einer ersten Reaktion. Das Ziel der Schiphol Group lautet nun, bis 2030 emissionsneutral zu arbeiten. Dies soll unter anderem durch den Einsatz elektrischer Busse geschehen, aber auch durch das zuvor erwähnte elektrische Taxiing. Ebenfalls stehen eine Erneuerung der Flotte und die Umrüstung auf nachhaltige Kraftstoffe bei der Schiphol Group im Fokus.

Neben dem Wachstum des Flughafens Schiphol steht aktuell außerdem auch die Eröffnung des Flughafens in Lelystad für den internationalen Flugverkehr zur Debatte. Aufgrund der Empfehlungen von Remkes sei es inzwischen „sehr unwahrscheinlich, dass Lelystad Airport kurzfristig für Urlaubsflüge geöffnet sein wird“, lautet das Urteil des Politikreporters Xander van der Wulp. Zwar sei es noch zu früh, um von einem endgültigen Ende des Flughafens in Lelystad bezüglich kommerzieller Flüge zu sprechen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Eröffnung noch lange hinausgezögert werde, sei groß.

Innerhalb der Regierung ist die Meinung zu diesem Thema ebenfalls nicht einheitlich. Lediglich die niederländische Regierungspartei VVD stellt sich als Befürworter des neuen Flughafens dar, da dieser ihrer Ansicht nach für die niederländische Wirtschaft von Bedeutung sei. Cora van Nieuwenhuizen (VVD) hat sich als Ministerin für Infrastruktur und Wasserwirtschaft bereits mehrfach dafür eingesetzt, den Flughafen nach mehreren Verzögerungen schnell zu eröffnen. Ihre Meinung: Der Remkes-Bericht sei ein Ratschlag und kein neues Gesetz. Dies galt allerdings auch für das neue Tempolimit, welches Remkes zuvor vorgeschlagen hatte.