WIRTSCHAFT: 50.000 Arbeitsmigranten werden pro Jahr gebraucht

Den Haag, SF/NOS/NRC/CBS/IWF/World Economic Forum, 15. Februar 2019

Die Niederlande sind eine kulturell vielfältige Gesellschaft. Zum Jahresbeginn 2018 hatten 23 Prozent der Niederländerinnen und Niederländer einen Migrationshintergrund – Tendenz steigend. Migration ist gerade in der Politik ein immer wieder umstrittenes, weil emotionales Thema, dennoch ist sie für eine gesunde Wirtschaft unerlässlich. Zu diesem Fazit kam die niederländische Rundfunkanstalt NOS, die sich beim Statistikamt CBS über die Arbeitsmigration in den Niederlanden erkundigt hat. Allein rund 50.000 Arbeitnehmer aus der Europäischen Union würden demnach pro Jahr gebraucht, damit der Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt ausgeglichen werden könne. Um besonders für Arbeitskräfte aus Osteuropa ansprechend zu bleiben, müssten die Niederlande in ihre Willkommenskultur investieren, heißt es im NOS-Bericht.

Unternehmen, Leiharbeitsfirmen, Provinzen und Gemeinden in den Niederlanden sind sich einig: Arbeitsmigranten sind aus der heutigen Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Sie werden benötigt, damit Arbeit verrichtet wird, die niederländische Arbeitskräfte nicht übernehmen wollen oder können. Das Schweizer Weltwirtschaftsforum und der Internationale Währungsfonds haben bereits 2016 in einer gemeinsamen Studie darauf hingewiesen, dass sowohl gering- als auch hochqualifizierte Zuwanderer einen positiven Effekt auf die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt haben. Sie brächten Talente und Fertigkeiten mit, die einheimischem Personal mitunter fehlten. Dadurch könnten das Pro-Kopf-Einkommen steigen und Personallücken auf dem Arbeitsmarkt gefüllt werden.

Diese Einschätzung teilt Jan van Mourik vom Arbeitsgeberbund VNO-NCW Brabant-Zeeland: „Die Unternehmen wachsen schon jetzt langsamer, als sie wollen, weil sie Personal brauchen“, so Van Mourik. Ohne ausländische Arbeitnehmer geriete das Wirtschaftswachstum in Gefahr. Diese Prognose sorgt allerdings in der Politik immer wieder für Aufsehen. Das Thema Migration wird auch bei den Provinzialwahlen im März eine wichtige Rolle im Wahlkampf einnehmen. Vor allem die Unterbringung von Arbeitsmigranten ist Gegenstand der Debatten. Im Sommer 2018 wehrte sich beispielsweise die kleine Gemeinde Maasdijk in Nordholland gegen die Eröffnung einer Unterkunft für 250 osteuropäische Arbeiter, die im Niederländischen oft abschätzig als Polenhotel bezeichnet wird. Zwar meldeten Landwirtschaftsbetriebe in der Region den Bedarf an ausländischen Arbeitskräften für die Ernte an, doch zahlreiche Einwohner er knapp 4.000-Einwohner-Gemeinde befürchteten Probleme und Belästigungen durch die Arbeitsmigranten. Schlussendlich aber stimmte der Gemeinderat von Maasdijk nach hitzigen Diskussionen für die Eröffnung der Unterkunft.

Einen Schritt weiter ist man dagegen in der Provinz Limburg im Süden der Niederlande. Dort unterzeichneten Gemeinde und Vertreter aus der Wirtschaft einen Vertrag, der die Ziele für verbesserte Unterbringungen für Arbeitsmigranten aufeinander abstimmt. Doch Arbeitsmigranten brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf. Laut Weltwirtschaftsforum sind Sprachkurse, die Anerkennung von Ausbildung und Arbeitserfahrungen und eine Erleichterung für Unternehmertum für ausländische Arbeitskräfte essenziell. Eine weitere Hürde für Arbeitsmigranten stellt die Jobsuche dar. In den Niederlanden werben vor allem Leiharbeitsfirmen aktiv um Ausländer. Paul van Dieperbeek, der in Veghel für die Leiharbeitsfirma HOBIJ tätig ist, berichtet dem NOS, dass mittlerweile Dreiviertel der Leiharbeiter aus dem Ausland stammen. Gerade auf den sozialen Medien werbe HOBIJ, beispielsweise mit Imagefilmen, die die Vorzüge des Arbeitslebens in den Niederlanden zur Schau stellen. Aber: Die Konkurrenz ist groß. Viele Arbeitsmigranten zögen nach Deutschland oder Dänemark, statt in die Niederlande. Zudem wächst die Wirtschaft im Osten Europas. Vor allem die polnische Wirtschaft boomt zurzeit. Das Bruttoinlandsprodukt steigt in Polen schneller als im EU-Durchschnitt, immer mehr Menschen finden Arbeit und das Wachstum kommt in den Privathaushalten an, denn die polnischen Reallöhne steigen stetig.

Trotzdem: Wirtschaftsexperten weisen darauf hin, dass der Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland stark von der Konjunktur abhängt. Sollte die niederländische Wirtschaft in eine Rezession abgleiten, wären die 50.000 Arbeitsmigranten pro Jahr nicht mehr vonnöten. Zudem hat auch die Statistik einen Haken: Das CBS betont, dass es schwierig ist, Arbeitsmigration zu messen. Die Frage ist beispielsweise, ob Grenzpendler aus Deutschland zu den Arbeitsmigranten zählen. Problematisch ist auch, dass Arbeitnehmer aus der EU aufgrund der Personenfreizügigkeit im Schengenraum oft schwer zu erfassen sind.