POLITIK: Türkeikorrespondentin verklagt niederländischen Staat

Amsterdam/Istanbul, SF/Trouw/VK/NOS/DN, 25. Januar 2019

Eine vergangene Beziehung wurde ihr zum Verhängnis: Ans Boersma, Auslandskorrespondentin für das Financieele Dagblad, wurde vergangene Woche aus der Türkei ausgewiesen. Sechs Jahre lang wird sie das Land nicht betreten dürfen. Der Traum von einem Leben in Istanbul sei geplatzt, sagt sie, denn für die türkischen Behörden stelle sie eine Gefahr für die Staatssicherheit dar. Binnen einer Woche verlor Boersma ihre Wohnung und ihren Arbeitsplatz in der Türkei. Warum, sagt die Journalistin, wisse sie bis heute nicht. Dabei wiegen die Vorwürfe gegen Boersma schwer: Sie soll im Terrorismus verwickelt sein. Vor fünf Jahren soll sie ihren Exfreund, einen Syrer mit Verbindungen zur Terrororganisation Al-Nusrah, illegal in die Niederlande gebracht haben. Boersma findet das allerdings absurd – und wehrt sich nun mit juristischen Mitteln: Sie verklagt den niederländischen Staat. Die niederländische Staatsanwaltschaft habe den türkischen Sicherheitsbehörden falsche Informationen über ihre Person mitgeteilt.

2014 wollte Boersma mit ihrem damaligen Freund aus Syrien in die Niederlande reisen. Das Paar hatte sich zuvor auf einer Pressereise in Istanbul kennengelernt. Ihr Exfreund sei typischer Syrer in der Türkei gewesen, der das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen versuchte, so Boersma im Interview mit der Tageszeitung Trouw. Zudem habe sie ihn als Gegner des Assad-Regimes und des Islamischen Staates kennengelernt. Um für die Einreise in die Niederlande ein Touristenvisum zu erhalten, habe Boersma für ihren Exfreund gebürgt. Doch zweimal sei der Versuch gescheitert: Ihr Freund erhielt kein Visum für den Schengen-Raum. Erst danach sei ihr Exfreund illegal über Griechenland in die EU gekommen, doch mit der rechtswidrigen Einreise hatte Boersma nichts zu tun. 2015 endete ihre Beziehung mit dem Syrer.

Bei der Polizeibefragung vergangene Woche in Amsterdam wurden Boersma jedoch schwere Vorwürfe gemacht. Die niederländischen Behörden äußerten bereits bei den gescheiterten Visa-Anfragen Zweifel für die Beweggründe für die Einreise des Syrers. Zudem seien bei der Visumsbeantragung falsche Personendaten angegeben worden. „Damals kannte ich meinen Freund nur unter seinem Vornamen. Deshalb sagte ich ihm: ‚Gib mir deinen Pass, damit ich deine Daten in das Visumsformular eintragen kann‘. Daraufhin gab er mir seinen Pass mit seinem offiziellen Namen. Der lautete anders als der Name, den ich kannte“, so Boersma gegenüber Trouw. Verdacht schöpfte sie jedoch keinen. „Merkwürdig fand ich das nicht. In Syrien gibt es Familien- und Stammesnamen. Ich weiß, dass Syrer verschiedene Namen tragen. Also habe ich die Formulare ausgefüllt.“ Doch die Angaben auf dem Pass stimmten nicht. Boersma wusste nicht, dass der Pass ihres Freundes gefälscht war. Sie ist deshalb wegen Urkundenfälschung angeklagt.

Wer aber ist der Mann, der mit gefälschtem Pass aus Syrien in die Niederlande einreiste? Von 2005 bis 2011 saß der Syrer im Sednaya-Gefängnis in Damaskus gefangen, das für die hohe Anzahl an dschihadistischen Gefangenen berüchtigt ist. In Sednaya soll der Syrer mehrmals gefoltert worden sein. Er soll darüber hinaus im Widerstand gegen Assad aktiv gewesen sein. Dass er dabei Kontakte zur Al-Nusrah-Front, einem Ableger der Terrororganisation Al-Qaida, gehabt haben soll, kann sich Boersma durchaus vorstellen. Erst seit 2012 gilt Al-Nusrah offiziell als terroristische Vereinigung. Der Widerstand in Syrien sei zu diesem Zeitpunkt schlichtweg schwer zu durchschauen gewesen. Doch nachdem die Situation kippte und immer gefährlicher wurde, flüchtete ihr Exfreund aus seiner Heimat. Gegenüber Boersma habe er immerzu beteuert, dass an seinen Händen kein Blut klebe. Menschenrechtsverletzungen habe er nicht begangen. Doch die Staatsanwaltschaft wirft dem Syrer vor, an Kampfhandlungen mit zahlreichen Toten beteiligt gewesen zu sein.

2017 wurde er schließlich im Amsterdamer Veranstaltungszentrum De Balie entdeckt, nachdem syrische Aktivisten ihn beschuldigt hatten, ehemaliger IS-Aktivist zu sein. Daraufhin wurde er festgenommen und seitdem sitzt er in Haft. Gleichzeitig stieg das Interesse der Behörden an Boersma, die zwischenzeitlich ihren festen Wohnsitz nach Istanbul verlagert hatte. Als Boersma vergangene Woche ihre Aufenthaltserlaubnis in der Türkei verlängern wollte, wurde sie letztlich ausgewiesen. Die Türkei begründete die Ausweisung mit Sicherheitsbedenken, die in keiner Weise an ihre journalistische Arbeit verbunden sei. Bereits im letzten Jahr hatte Boersma das Gefühl, dass sie beschattet würde. „Doch beweisen kann man das nicht“, sagte Boersma in der Nachrichtensendung Nieuwsuur. Sie habe keine Gesetze gebrochen – doch dass sie durch Informationen der niederländischen Staatsanwaltschaft ins Visier der türkischen Behörden rückte, erstaunt sie.

In den niederländischen Medien wird Boersma derzeit als naiv und unprofessionell abgetan. Kritisiert wird, dass sie ihrem Auftraggeber, dem Financieele Dagblad, nie von der Beziehung zu dem Syrer berichtet hatte. Gerade in einem Land wie der Türkei, in dem es um die Pressefreiheit schlecht bestellt ist, sei Transparenz notwendig. Doch Boersma hält ihr Privatleben für irrelevant in ihrer Arbeit als Journalistin. Ihr Image und ihre Glaubwürdigkeit seien nun jedoch durch die Vorfälle der letzten Wochen schwer beschädigt. In den Niederlanden habe sie keine Wohnung, keine Arbeit und kein Einkommen. Ihr Anwalt Marq Wijngaarden plädiert daher für eine Entschädigung in Höhe von sechs Jahresgehältern. „Ich habe den starken Eindruck, dass die Informationen über Ans Boersma entweder stark gefärbt oder inkorrekt waren. Dies führte zu einem unrechtmäßigen Umgang mit ihr seitens des Staats“, wird Wijngaarden in de Volkskrant zitiert.