WIRTSCHAFT: Landesweite Streiks im öffentlichen Nahverkehr

Utrecht, SF/NOS/VK/FNV, 18. März 2019

Seit dem 1. Januar 2019 liegt das Renteneintrittsalter in den Niederlanden bei 66 Jahren und 4 Monaten. Schritt für Schritt soll das Renteneintrittsalter aber bis 2022 auf 67 Jahren und 3 Monate erhöht werden. Ob das Renteneintrittsalter weiter erhöht wird, hängt indes davon ab, wie sich die Lebenserwartung entwickelt. Rente und Lebenserwartung sind in den Niederlanden nämlich aneinander gekoppelt. Der niederländische Gewerkschaftsbund FNV findet das jedoch ungerecht: Den Renteneintritt pauschal für alle Berufsgruppen festzulegen, sei realitätsfern, denn Arbeitnehmer mit körperlich fordernden Berufen könnten schlichtweg nicht bis 67 Jahre arbeiten. Gemeinsam mit den Schwestergewerkschaften VCP und CNV organisiert der FNV deshalb heute einen Aktionstag, um gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters zu protestieren. Das Ziel: Mit Streiks im öffentlichen Nahverkehr sollen die Niederlande lahmgelegt werden.

Wie sieht der Streik im Detail aus?

  • Bahn: Zwischen 6.00 Uhr und 7.06 Uhr steht der Schienenverkehr in den ganzen Niederlanden still. Auch vor 6.00 Uhr gab es bereits zahlreiche Zugausfälle. Doch auch nach 7.06 Uhr verzögert sich der Bahnverkehr immens.
  • Stadtverkehr: In Amsterdam, Rotterdam und Den Haag streiken alle Stadtverkehrsgesellschaften. Das bedeutet, dass bis 7.06 Uhr keine Straßenbahnen, Busse oder U-Bohnen
  • Straßenverkehr: Auch auf der Autobahn wird es zu erheblichen Verzögerungen kommen: Die Mitarbeiter der Rettungsdienste, Polizei, Feuerwehr und Armee beteiligen sich am Streik des FNV.
  • Flugverkehr: Selbst Reisende, die heute vom Amsterdamer Flughafen Schiphol aus in den Urlaub starten wollen, müssen lange Wartezeiten einplanen. Zwischen 12.00 Uhr und 13.36 Uhr werden die Mitarbeiter am Check-in und Gepäcktransport sowie die Sicherheitsbediensteten ihre Arbeit niederlegen. Der FNV gibt allerdings Entwarnung: Wer rechtzeitig am Flughafen erscheint, wird seinen Flug nicht verpassen.
  • Schifffahrt: Bereits seit gestern streiken Hafenmitarbeiter in Rotterdam. Trotz der Größe des Rotterdamer Hafens werden kaum Störungen im Betriebsablauf durch den Streik erwartet.

Auch in der Metallindustrie und im Baugewerbe sollen heute Streiks stattfinden. Die Organisatoren erwarten, dass sich rund 10.000 Menschen an neun Orten in den Niederlanden an den Streiks beteiligen. Die Gewerkschaften wollen erreichen, dass das Renteneintrittsalter bei 66 Jahren eingefroren wird. Länger könnten Menschen mit körperlich schwerer Arbeit nicht ihren Beruf ausüben. Auch soll die Strafzahlung abgeschafft werden, die Arbeitgeber zahlen müssen, wenn Arbeitnehmer früher in Rente gehen als gesetzlich vorgegeben. Des Weiteren fordern sie einen Rententopf für alle Arbeitskräfte, also auch für Solo-Selbstständige, Leiharbeiter und Unternehmer. Die letzte Forderung der Gewerkschaften beinhaltet die Anpassung der Rentenzahlungen an die Verbraucherpreise: Steigen die Preise für Einkäufe, Sprit, Möbel und andere Konsumgüter, soll auch die Rente entsprechend angehoben werden.

Die Meinungen über den Streik sind geteilt: Auf Twitter werden Fotos von überfüllten Bahnsteigen unter dem Hashtag #staking (zu Deutsch: Streik) geteilt. In einigen Tweets kommen Zweifel an der Berechtigung der Streiks auf: Dass Arbeitnehmer schrittweise später in Rente gingen, sei gerechtfertigt. Die medizinische Versorgung verbessere sich und die Lebenserwartung steige. Aus diesem Grund könne man länger arbeiten als bis 66 Jahre – allein schon deshalb, um die Rente dauerhaft und nachhaltig finanzieren zu können. Auch ärgern sich Berufspendler darüber, dass sie die Streiks der Beschäftigten in öffentlichen Nahverkehr ausbaden müssten. Gerade am Eisenbahnknotenpunkt, dem Hauptbahnhof Utrecht, heizt sich die Stimmung auf. Arbeitnehmer stranden dort oder kommen erst gar nicht vom Fleck. „Hätte ich das früher gewusst, wäre ich heute einfach eine Stunde länger im Bett geblieben“, wird zum Beispiel ein sich ärgernder Praktikant in de Volkskrant zitiert. Doch nicht alle, die vom Streik betroffen sind und nicht rechtzeitig zur Arbeit erscheinen können, ärgern sich darüber. Die Streiks seien schon lange im Voraus angekündigt werden, man hätte sich darauf einstellen können, heißt es. Ein Mitarbeiter der Utrechter Stadtverwaltung scherzt sogar: „Wer nichts von den Streiks mitbekommen hat, hat wohl unter einem Stein geschlafen“, sagt er in de Volkskrant.