GESELLSCHAFT: Immer mehr Kinder wachsen bei nur einem Elternteil auf

Den Haag, EF/VK/NOS, 23. Dezember 2019

Immer mehr Kinder in den Niederlanden wachsen bei nur einem Elternteil auf. Im Jahr 2019 wohnte beinahe jedes sechste niederländische Kind im Haushalt eines Alleinerziehenden. Das sind rund eine halbe Million Kinder. Noch vor 20 Jahren betraf dies nur jedes zehnte Kind. Dies geht aus den Zahlen des Centraal Bureau voor de Statistiek (kurz: CBS), dem niederländischen, zentralen Amt für Statistik hervor. Auch die Anzahl der Neugeborenen in Einpersonenhaushalten nimmt zu.

Einer der Hauptgründe für die wachsende Zahl der Alleinerziehenden ist die hohe Scheidungsquote, sagt CBS-Forscherin Tanja Traag. Dass diese Kinder nur bei einem Elternteil registriert sind, bedeutet aber nicht, dass sie keinen Kontakt zu ihrem anderen Elternteil haben. „Im Gegenteil. Wir wissen aus früheren Untersuchungen, dass die Co-Elternschaft nach einer Scheidung immer häufiger vorkommt“, so Traag. „Vor allem bei hochgebildeten Personen sehen wir immer mehr, dass sich beide Elternteile gleichermaßen um das Kind kümmern.“

Kinder, die in einem Haushalt mit einem Alleinerziehenden aufwachsen, haben allerdings ein höheres Risiko, in Armut aufzuwachsen. In den meisten Fällen, das betrifft rund 89 Prozent der Kinder, wachsen sie bei ihren Müttern auf, was durchaus auch Einfluss auf die finanzielle Situation haben kann, denn die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Mütter sei, so Traag, noch immer viel geringer als die der Männer. Und das betreffe sicherlich auch geschiedene Frauen.

Den größten Anteil der Kinder mit einem alleinerziehenden Elternteil findet man in Heerlen und Rotterdam. In diesen Gemeinden liegt der Anteil der Minderjährigen in einem Alleinerziehendenhaushalt bei 29 Prozent. Der nationale Durchschnitt liegt in den Niederlanden bei 16 Prozent. Traag zufolge ist die hohe Quote dieser Kinder in der Gemeinde Heerlen vor allem mit der hohen Anzahl an Scheidungen zu erklären. „Wie es dazu kommt, dass es dort so viele Scheidungen gibt, wissen wir nicht“, so Traag. Typisch für diese Region sei allerdings eine hohe Anzahl von Haushalten mit einem geringen wirtschaftlichen Status. Viel Unterstützung sei von Nöten und es gebe viel Armut. „In diesem Fall ist es schwierig, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden, aber eine schwierige finanzielle Situation scheint einer Beziehung in jedem Fall nicht zu helfen“, heißt es seitens der CBS-Forscherin.

In Rotterdam spiele, so Traag, etwas anderes eine Rolle. „Dort sieht man verhältnismäßig mehr alleinerziehende Mütter mit einem surinamischen oder antillianischem Hintergrund. Es scheint so zu sein, dass es in diesen Kulturen üblicher ist, dass Frauen die Erziehung des Kindes allein übernehmen. Das hätte eine anthropologische Untersuchung ergeben. Wir können das mit unseren Zahlen aber nicht beweisen.“

Aus den Erkenntnissen des CBS wird jedenfalls deutlich, dass es in städtischen Gebieten mehr Alleinerziehende gibt als in ländlichen Gebieten. Der Anteil der Kinder, die in Haushalten mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, liegt in Amsterdam und in Capelle aan den Ijssel bei rund 26 Prozent. Auch dieser Prozentsatz ist verhältnismäßig hoch. In Staphorst und Urk findet man mit 4 Prozent den geringsten Anteil Minderjähriger in Alleinerziehendenhaushalten.

Aus der Statistik der CBS geht ebenfalls hervor, dass in den Niederlanden auch die Anzahl der Neugeborenen, die in Haushalte mit einem alleinerziehenden Elternteil hineingeboren werden, langsam steigt. Im Jahr 2019 betraf dies rund 9 Prozent, also rund 15.000 Neugeborene. Vor 20 Jahren, im Jahr 1999, galt dies nur für 6 Prozent der Neugeborenen. Erklärungen, die in diesem Zusammenhang geäußert werden, hängen mit der Entstehung neuer, unkonventioneller Familienformen zusammen, wie beispielsweise alleinstehende Frauen, die zusammen mit einem schwulen Paar ein Kind haben.

Die CBS-Forscherin Traag ist mit solchen Aussagen allerdings sehr vorsichtig. „Aus unseren Ergebnissen geht nicht hervor, unter welchen Umständen und mit wem alleinstehende Frauen ein Kind kriegen. Daher können wir da nichts zu sagen.“ Sicher sei allerdings, dass die Ehe als Voraussetzung für ein gemeinsames Kind immer seltener die Norm sei. Vor 20 Jahren wurden 79 Prozent der Neugeborenen als Kind eines verheirateten Paares geboren. Im Jahr 2019 waren es nur noch 60 Prozent der Kinder.