BILDUNG:  Niederländische Schüler schneiden beim Lesen laut PISA-Studie immer schlechter ab

Arnhem, EF/VK/NRC/NOS/SPIEGEL, 04. Dezember 2019

Laut der aktuellen PISA-Studie ist die Lesefähigkeit der 15-Jährigen in den Niederlanden im Vergleich zu ihren europäischen Altersgenossen rückläufig. Dies geht aus den Ergebnissen der aktuellen PISA-Studie hervor, die am Dienstag veröffentlicht wurden. Das Leseverstehen der niederländischen Teenager befindet sich zurzeit leicht unter dem Durchschnitt. Die deutschen Schülerinnen und Schüler liegen etwas höher und besetzen einen Rang im oberen Mittelfeld.

Alle drei Jahre werden immer wieder 15-jährige Schülerinnen und Schüler innerhalb der PISA-Studie, einer internationalen Schulleistungsuntersuchung, auf drei Gebieten getestet und international miteinander verglichen. Bei dieser Studie haben, so die niederländische Tageszeitung de Volkskrant hunderttausende Jugendliche aus 79 Ländern mitgemacht. Diese Studie wird von der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, organisiert. Bei den drei Bereichen, in denen die 15-Jährigen getestet werden, handelt es sich um die Themen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Die Niederlande gehören zu den sieben Ländern, bei denen in allen drei Bereichen im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Jahr 2003 ein Abwärtstrend zu verzeichnen ist.

Betrachtet man die Bereiche einzeln, stellt man fest, dass lediglich die Rechenleistungen der niederländischen Teenager leicht angestiegen sind – zumindest im Vergleich zur letzten PISA-Studie im Jahr 2015. Und auch trotz eines leichten Rückgangs im Bereich der Naturwissenschaften, sind die Leistungen der niederländischen Schülerinnen und Schüler noch immer über dem europäischen Durchschnitt. Die rückläufigen Leistungen bezüglich der Lesefähigkeit sind allerdings im Vergleich zu 2015 alarmierend. Im europäischen Vergleich der 37 reichen Länder, die allesamt der OECD angehören, erreichen die Niederlande nur einen leicht unterdurchschnittlichen Rang. Lediglich bei der Suche nach Informationen tun sich niederländische Schülerinnen und Schüler etwas hervor.

„Lesen ist die Grundlage vieler Fächer. Daher ist es besorgniserregend, wenn man im Bereich des Leseverständnisses versagt“, heißt es von Henrik de Moel, Vorstandsmitglied für die Sekundarstufe der niederländischen Bildungsgewerkschaft AOb. „Und wenn sich die Bildungsergebnisse verschlechtern, hat man ein Problem, wenn man gleichzeitig eine wissensbasierte Wirtschaftsgesellschaft sein will.“ Bei diesen besorgniserregenden Zahlen geht aber nicht nur um das Erreichen bestimmter Schulabschlüsse, sondern auch darum, dass gesellschaftlich relevante Texte wie beispielsweise eine E-Mail der Regierung, ein Handbuch oder ein Brief von der Schule über das anstehende Sinterklaas-Fest von einem Großteil der Schülerinnen und Schüler nicht mehr richtig verstanden werden. Dadurch sind sie, wenn es um ihre vermeintliche Position als selbstständiger niederländischer Bürger geht, stark eingeschränkt.

Warum die Lesefähigkeit seit der letzten PISA-Studie so stark nachgelassen hat, ist schwer zu sagen, meint Stan Termeer, Pressesprecher des VO-Raad, einem Interessenverband der Schulvorstände von weiterführenden Schulen. „Wir kennen die Argumente, dass Jugendliche durch soziale Medien abgelenkt werden und dadurch nur über einen kurzen Spannungsbogen verfügen. Dies gilt aber auch für Frankreich und Deutschland.“ Deutschland befindet sich bezüglich der Leseleistungen im oberen Mittelfeld und ist im europäischen Vergleich leicht über dem Durchschnitt angesiedelt.

Ob sich also die schlechten Leistungen durch die Ablenkung mittels sozialer Medien erklären lassen, sei dahingestellt. Eine andere Ursache für die schlechten Leistungen könnte die frühe Selektion der Schüler sein, die kennzeichnend für das niederländische Schulsystem ist. Bereits mit 11 oder 12 Jahren werden die Schüler einer bestimmten Gruppe zugeteilt und es ist sehr schwierig, im weiteren Verlauf der Schulzeit aus dieser Schulform aufzusteigen. Durch die frühzeitige Selektion werden die Talente der Schüler nicht angemessen erkannt, sagt Stan Termeer. Darüber hinaus lässt sich ein Leistungsabfall vor allem bei Schülerinnen und Schülern aus einem Elternhaus mit niedrigem Bildungsniveau feststellen. „Es wird immer schwieriger, Kinder aus schwächeren Familien emporzuheben. Früher war Bildung etwas, das die Leute gleichgestellt hat, aber heute ist das nicht mehr der Fall“, sagt Henrik de Moel.

Weiterhin wurde in den Ergebnissen der PISA-Studie mitgeteilt, dass die Freude oder aber die Bereitschaft zu lesen in den Niederlanden stark gesunken ist. Rund die Hälfte der befragten niederländischen 15-Jährigen hält Lesen für Zeitverschwendung und etwa 60 Prozent lesen nur dann, wenn es sein muss. Die niederländischen Bildungsminister Ingrid van Engelshoven (D66) und Arie Slob (ChristenUnie) wollen nun gegen diese Leseunlust vorgehen und das Lesen und Vorlesen fördern und arbeiten derzeit an Strategien für den Leseunterricht.

Erik Meester, Erziehungswissenschaftler für den Primarunterricht an der Radboud Universiteit in Nijmegen, ist der Meinung, dass es den Kindern an allgemeinem Vokabular und Wissen mangele. Das Erlernen von Lesestrategien helfe den Schülern nicht weiter, wenn sie das Thema nicht kennen und einzelne Wörter nicht verstehen. Er plädiert daher für mehr allgemeine Entwicklung innerhalb des Unterrichts.

Obwohl die Meinungen bezüglich der zu ergreifenden Maßnahmen unterschiedlich sind, sind sich alle doch in einer Tatsache einig, nämlich, dass sich etwas ändern muss. Wie genau die Maßnahmen, die das Leseverstehen der niederländischen Schülerinnen und Schüler verbessern sollen, in Zukunft aussehen werden, ist noch ungewiss.