RECHT: Niederländische Eisenbahngesellschaft NS will Fahrgäste mit kontroverser Technologie auf freie Sitzplätze hinweisen

Utrecht, EF/NRC/VK, 02. Dezember 2019

Die niederländische Eisenbahngesellschaft NS (Nederlandse Spoorwegen) plant nun, Fahrgästen die Suche nach freien Sitzplätzen im Zug zu erleichtern. Das Unternehmen möchte mithilfe von WLAN- und CO2-Sensoren messen, wie viele Reisende sich in den jeweiligen Waggons befinden, um auf diese Weise die Verteilung der übrigen Sitzplätze zu ermitteln.

Die Eisenbahngesellschaft NS möchte die Signale der Mobiltelefone der Reisenden nutzen, um die Verteilung der freien Plätze im Zug anzuzeigen. Diese Methode ist allerdings hinsichtlich des Datenschutzes umstritten. Udo Oelen, der für die Datenschutzangelegenheiten bei der NS verantwortlich ist, sagte gegenüber der niederländischen Tageszeitung Trouw, dass die Zulässigkeit dieser Methode aktuell noch geprüft werde. Er halte es für sehr erstrebenswert, eine gleichmäßige Verteilung der Reisenden auf alle Waggons zu erlangen. Schließlich sei die Fahrt auf diese Weise nicht nur bequemer und angenehmer, sondern auch sicherer für die Fahrgäste.

Eine andere, alternative Methode, die aktuell auf einigen Strecken getestet wird, ist eine Messung des Gewichts der einzelnen Waggons. Anhand dieser Daten und der Annahme, dass ein durchschnittlicher Niederländer rund 77 Kilo wiegt, könne man ermitteln, in welchen Waggons noch freie Plätze vorhanden seien. Die freien Sitzplätze können dann über die im vergangenen Jahr eingeführte Zitplaatszoeker-App (deutsch: Sitzplatzfinder-App) eingesehen werden. Diese Suchfunktion sei allerdings, so Udo Oelen, nicht genau genug.

Um trotzdem eine Gleichverteilung der Passagiere in den Waggons gewährleisten zu können, möchte die NS pro Waggon messen, wie viele Mobiltelefone WLAN-Signale senden. Mit diesem sogenannten WLAN-Tracking messen Sensoren nicht nur, ob sich jemand mit einem Telefon in der Nähe befindet, sondern sie können auch die einzelnen Telefone voneinander unterscheiden, da jedes Mobiltelefon über eine eindeutige Adresse verfügt, die von diesen Sensoren erfasst werden kann: die MAC-Adresse. Selbst, wenn das Handy nicht mit dem WLAN verbunden ist, senden mobile Endgeräte bei der Suche nach einem Netzwerk ein Signal, sofern diese Suchfunktion in den Einstellungen des Gerätes nicht vollständig ausgeschaltet wurde. Mittels dieser Signale kann die NS dann die Verteilung der freien Sitzplätze in den einzelnen Waggons messen, die dann über die NS-App mittels Farbcodes angezeigt. An einigen NS-Stationen wird diese Technologie bereits eingesetzt.

Wann das WLAN-Tracking schlussendlich zum Einsatz kommen soll, ist noch nicht klar, sagte ein Pressesprecher gegenüber der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad. Die Eisenbahngesellschaft hatte zuvor die niederländische Datenschutzbehörde Autoriteit Persoonsgegevens (kurz: AP) gebeten, zu prüfen, inwiefern diese Methode zulässig sei. Die AP gab an, dass die WLAN-Verfolgung „kritisch“ sei, da personenbezogene Daten verarbeitet würden. Es sei allerdings laut der AP die Aufgabe der NS, zu prüfen, ob sie bei der Verarbeitung dieser Daten alle Datenschutzbestimmungen einhalten, sagte ein Pressesprecher auf Nachfrage. Außerdem weist die AP darauf hin, dass es weniger invasive Methoden gebe, um dasselbe Ziel zu erreichen, und das, ohne die Privatsphäre zu verletzen. Nichtsdestotrotz wolle die niederländische Eisenbahngesellschaft alle Untersuchungen der AP abwarten, bevor dieses System zur Sitzplatzermittlung eingeführt werde.

Bei dem WLAN-Tracking gehe es, betont Oelen gegenüber der Trouw, nicht um Informationen zu einzelnen Reisenden, sondern wirklich nur um die Ermittlung von Sitzplätzen. Das System speichere daher keine MAC-Adressen der Mobiltelefone oder anderer Geräte wie Laptops oder Tablets. Um die freien Sitzplätze zu ermitteln, wird aktuell auch untersucht, ob der CO2-Gehalt in Waggons einen Aufschluss darüber geben kann, wie viele Personen sich aktuell in einem Waggon aufhalten.

An einzelnen NS-Stationen werden derzeit bereits WLAN-Tracking und die daraus resultierenden anonymisierten Daten verwendet, um damit die Anzahl der Zug-Reisenden und deren Strecken abzubilden. Hierfür wird allerdings nur das WLAN verwendet. Andere Möglichkeiten, wie die Verfolgung über Bluetooth, nutzt die NS nicht. Aber nicht nur die NS macht aktuell von WLAN-Tracking Gebrauch. Einzelne Gemeinden nutzen diese Methode ebenfalls, um Touristen in besonders belebte Gegenden zu lotsen. Und auch Unternehmen passen ihr Marketing an das Publikum an, indem sie mithilfe von WLAN-Tracking den Standort ermitteln können.