BILDUNG: Streikende Lehrer fordern mehr Geld für den Bildungssektor

Rotterdam, EF/VK/NRC, 06. November 2019

Am heutigen Mittwoch steht den Niederländern ein Lehrerstreik bevor. Schätzungsweise beteiligen sich daran rund 80 Prozent der Lehrkräfte aus dem Bereich des basis- und middelbaar onderwijs, vergleichbar mit deutschen Grund- und weiterführenden Schulen. Bereits im Vorfeld reagierte die Regierung am vergangenen Freitag und versprach dem Bildungssektor eine Finanzspritze in Höhe von 460 Millionen Euro. Die Schulbehörden und Gewerkschaften zeigten sich damit aber nicht zufrieden.

Insgesamt 4.100 Schulen bleiben heute geschlossen. In anderen, noch offenen Schulen fällt der Unterricht ganz oder nur zum Teil aus. Der Grund hierfür ist der angekündigte Lehrerstreik, an dem sich heute viele Lehrkräfte auf unterschiedlichste Weise beteiligen. Neben diversen Lehrermärschen in verschiedenen niederländischen Städten, arbeiten andere Lehrer heute für lokale Unternehmen wie Bäckereien oder Blumenläden. Eltern von Schülern übernehmen ihren Unterricht. Die Gewerkschaft Leraren in Actie blockiert derweil in Anlehnung an die Bauernproteste den Eingang des Bildungsministeriums in Den Haag mit lauter kleinen Spielzeugtraktoren.

Das Hauptaugenmerk des Lehrerstreiks liegt heute allerdings in Rotterdam. Der Berufsverkehr wurde heute Morgen in dieser Stadt komplett stillgelegt, da eine große Menge an Lehrern über die Erasmusbrücke marschierte und diese dadurch blockierte. Das Ziel dieses Marsches war schließlich das Excelsiorstadion in Rotterdam, in dem sich im Laufe des Vormittages tausende von Lehrern eingefunden haben, um den Reden von Lodewijk Asscher (PvdA) und Lilian Marijnissen (SP) zu lauschen, die den Lehrkräften ihre Unterstützung aussprechen. Doch was genau ist eigentlich der Grund für den Streik?

Mit dem heutigen Streik wollen die Lehrkräfte des basis- und middelbaar onderwijs ihre Unzufriedenheit bezüglich ihrer Berufssituation verdeutlichen und haben dafür in Vorfeld verschiedene Aktionen in Leeuwarden, Einhoven, Amsterdam, Almere, Zwolle, Arnhem, Goes und Den Haag geplant. Die zwei großen Themen, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftreten, sind zum einen die schlechte Bezahlung ausgebildeter Lehrkräfte und zum anderen der große Lehrermangel. Dieser hat sich inzwischen so stark ausgeprägt, dass sich Schulbehörden bereits an den niederländischen Bildungsminister Arie Slob (ChristenUnie) gewandt haben. In den Briefen an Minister Slob war zu lesen, dass sich Schulen aufgrund des Lehrermangels inzwischen gezwungen sehen, Maßnahmen zu ergreifen, unter denen die Qualität des Unterrichts leide.

Diese Maßnahmen können unterschiedlich sein. Beispielsweise gibt es Schulen, die inzwischen eine 4-Tage-Woche eingeführt haben. Andere schicken zum Teil Schüler nach Hause, legen Schulklassen zusammen oder stellen sogar ungelernte Kräfte wie Schulassistenten oder Praktikanten vor eine Schulklasse. Diese Maßnahmen werden inzwischen von Minister Slob als vorübergehende Sofortmaßnahmen anerkannt. Was genau jedoch in welcher Schule erlaubt ist, ist eine Einzelfallentscheidung der niederländischen Schulaufsichtsbehörde. In besonderen Fällen sollen auch Eltern den Unterricht übernehmen dürfen. Ewald van Vliet, Vorsitzender der Stiftung Lucas Onderwijs, spricht von einer Krise, die nur in Zeitlupe sichtbar würde. Die Auswirkungen auf die Lernergebnisse der Schüler würden erst in einigen Jahren sichtbar werden und dann alle Schulformen betreffen.

Frank Cörvers, Professor für Bildung und Arbeitsmarkt an den Universitäten Tilburg und Maastricht, zufolge, sei das Problem allein mit der Anstellung neuer Lehrer aber noch nicht gelöst. Er ist der Meinung, dass viele Lehrkräfte ihren Beruf aufgeben, da die hohe Arbeitsbelastung einem Gehalt gegenüberstehe, das deutlich niedriger ist, als in anderen Berufen mit ähnlichem Ausbildungsniveau. Hinzu komme, so Jan van de Ven, Lehrer an der Montessori-Schule in Venray und ehemaliger Vorsitzende der Protestgruppe PO in Actie, dass es immense Gehaltsunterschiede unter den Lehrkräften gebe. Das Gehalt eines Grundschullehrers sei deutlich niedriger als das Gehalt einer Lehrkraft an einer weiterführenden Schule. Diese Kluft bezüglich der Bezahlung müsse verschwinden, so Peter Althuizen, Vorsitzender der Gewerkschaft Leraren in Actie.

Als Reaktion auf den angekündigten Lehrerstreik reagierte Minister Slob bereits am vergangenen Freitag, indem er dem Bildungssektor eine finanzielle Zuwendung in Höhe von 460 Millionen Euro versprach. Obwohl die Gewerkschaften den Streik zunächst absagten, nahmen sie ihn nach diversen Gesprächen wieder auf. Diese Summe stellt die Lehrer nicht zufrieden. Cörvers sagt dazu: „Die Lehrer können von dieser Einmalzahlung nicht profitieren. Das Problem liegt an der fehlenden Zukunftsperspektive. Die Politik muss sich sofort um den großen Lehrermangel kümmern, mit dem wir jetzt und in naher Zukunft konfrontiert werden.“ Nichtsdestotrotz beharrt Minister Slob nach dem heutigen Streik weiterhin darauf, dass es sich bei den am Freitag versprochenen 460 Millionen Euro um „ein schönes, zusätzliches Paket“ handele. Welche Reaktionen der heutige Lehrerstreik noch hervorruft, wird sich im Laufe der nächsten Tage zeigen.