GESELLSCHAFT: Nach den Bauern protestiert nun auch der Bausektor

Den Haag, EF/VK/NRC, 23. Oktober 2019

Nach den Protestaktionen der Landwirte organisiert sich nun auch die Baubranche gegen die Stickstoffpolitik der Regierung. Die neue Protestgruppe Grond in Verzet wird am kommenden Mittwoch, den 30. Oktober, ebenfalls auf dem Malieveld in Den Haag protestieren. Nach Angaben der Organisatoren haben bereits 1.700 Menschen über eine Facebook-Seite bekannt gegeben, an dieser Demonstration teilzunehmen.

Die Stickstoffproblematik sorgt in den Niederlanden noch immer für Aufsehen und Proteste. Bereits mehrere Male berichtete NiederlandeNet in den vergangenen Wochen über die neuen Maßnahmen und die daraus resultierenden Proteste der Landwirte. Die Reaktion seitens der Politik auf diese Protestaktion fiel in einigen Provinzen zugunsten der Landwirte aus, indem entschieden wurde, die geplanten Maßnahmen, wie beispielweise eine Reduktion des Tierbestands, wieder außer Kraft zu setzen. Die Landwirtschaft ist jedoch nicht die einzige Branche, die unter der neuen Stickstoffpolitik zu leiden scheint. Jetzt melden sich auch Angehörige des Bausektors zu Wort.

Die Stickstoffproblematik wurde den Bauunternehmen schon vor der Veröffentlichung der neuen Regelungen bewusst. Bereits im Mai dieses Jahres wurden rund 18.000 Bauprojekte, darunter auch große Infrastrukturprojekte, zunächst auf Eis gelegt. Hinzu kommt, dass aufgrund der aktuellen Stickstoffkrise auch kaum noch neue Baugenehmigungen erteilt werden. Baumaschinen und LKWs stünden still, heißt es laut Angaben einiger Bauunternehmer. Dadurch sehen sich viele Angehörige des Baugewerbes in ihrer Existenz bedroht und wollen ihren Unmut nun ebenfalls während einer Demonstration auf dem Malieveld in Den Haag kundtun. Die daraus resultierende Protestgruppe Grond in Verzet argumentiert, dass die Politik die Notsituation der Baubranche nicht erkenne und die gesamte Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit den Opfern der neuen Stickstoffregelungen auf die Landwirtschaft richte.

Viele Branchenverbände sind von der Initiative begeistert und kooperieren mit der Protestgruppe, denn schließlich könnte ein derartiges Eingreifen in das Bauwesen seitens der Politik viele weitreichende Probleme mit sich bringen. „Wenn der gesamte Wohnungsbau zum Erliegen kommt, ist das ein großes Problem“, sagt der Direktor des Branchenverbands NVB-Bouw Coen van Rooyen, „weil viele Menschen dann kein Zuhause mehr finden können.“ Andere Branchenorganisationen wie TNL und VNO-NCW bestehen ebenfalls auf eine zeitnahe Klärung der Situation. Schließlich steht für das Baugewerbe eine Menge Geld auf dem Spiel. Nach Angaben des niederländischen Kreditinstitutes ABN Amro haben die Stilllegungen und die Reduzierungen der Baugenehmigungen für das Baugewerbe in den kommenden fünf Jahren Umsatzeinbußen von rund 14 Milliarden Euro zur Folge.

Ganz nach dem Vorbild der Landwirte wollen Angehörige des Baugewerbes am kommenden Mittwoch ebenfalls mit ihren Maschinen auf dem Malieveld anrücken. Allerdings kommen diese mit größeren Maschinen angefahren. Statt Traktoren wird man Bagger, Kräne, Schaufeln und Lastwagen, statt Bauern Bauarbeiter, Baggerfahrer und Erdarbeiter zu Gesicht bekommen. Die Chancen, so heißt es in der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad, stehen gut, dass das Malieveld am kommenden Mittwoch einen anderen Anblick bietet als bei den Protesten der Landwirte.

Die Protestaktion wurde am vergangenen Freitag von der Protestgruppe Grond in Verzet auf Facebook im Namen des Bauwesens, des Infrastruktursektors und Baumaschinenführer angekündigt. Das Interesse scheint groß zu sein. Neben den 1.700 Zusagen, sind laut Facebook insgesamt 9.800 Menschen an dieser Demonstration interessiert. Die Initiatoren Klaas Kooiker und Arnold Tuytel, Auftraggeber im Baumaschinensektor, können dafür durchaus auf ein paar LKWs und Baumaschinen verzichten, da einige Fahrzeuge aktuell sowieso auf ihrem Betriebsgelände stillstehen. Auch sie sind von den Stilllegungen betroffen. „Es wird viel geredet und nichts beschlossen“, so Kooiker. Die Auftraggeber würden die anstehenden Arbeiten immer weiter aufschieben. Tuytel sagt dazu, dass sehr viele Menschen und Familien von diesen Problemen betroffen seien. Diese Sektoren seien noch viel umfangreicher als die der Landwirtschaft.

Es geht den Bauunternehmen aber nicht nur um die Stickstoffproblematik. Seit dem 1. Oktober dieses Jahres müssen alle abgebauten und umgesiedelten Böden auf poly- und perfluorierte Alkylsubstanzen (kurz: PFAS) untersucht werden, eine Substanz bestehend aus rund 6.000 unter anderem krebserregende Chemikalien, die im Boden und im Grundwasser verbreitet sind. Bauunternehmer dürfen neuen Boden bzw. Sand daher nur dann verwenden, wenn der PFAS-Wert 0,1 Mikrogramm pro Kilo nicht übersteige – ein viel zu niedriger Wert, finden die Bauunternehmen, denn schließlich sei die Konzentration im menschlichen Blut mit 3,5 Mikrogramm pro Liter deutlich höher. Dieser niedrige Grenzwert führt dazu, dass Unternehmen für bestehende Bauarbeiten kaum noch Sand zur Verfügung haben. Laut Hans Slenders vom niederländischen Kompetenzzentrum PFAS handele es sich hierbei um eine Vorsichtsmaßnahme seitens der niederländischen Politik. Aber auch er ist der Meinung, dass man hier eventuell zu vorsichtig agiere.

Trotz ihrem Willen, sich gegen die aktuelle Stickstoffpolitik zur Wehr zu setzen, ist man sich einig, dass die Demonstration friedlich verlaufen soll. Ein Ausmaß, wie es bei den Protesten der Bauern der Fall war, möchte man nach Möglichkeit vermeiden. Eines jedoch ist, so NVB-Bouw-Direktor Van Rooyen, sicher: „Unsere Protestbereitschaft ist vielleicht nicht immer hoch, aber wenn wir kommen, dann mit größerem Geschütz als die Bauern.“