GESELLSCHAFT: Die Jugendfürsorge in den Niederlanden steht vor großen Problemen

Den Haag, TA/NOS/NRC/VK, 22. Oktober 2019

Einer von zehn Jugendlichen in den Niederlanden ist bereits mit Jugendfürsorge (ndl. jeugdzorg) in Kontakt gekommen. Viele Einrichtungen der niederländischen Jugendfürsorge haben jedoch mit Problemen zu kämpfen, wie etwa zu niedrigen Tarifen oder Personalmangel.

Forscher untersuchten in einem Report die Geschäftsberichte von 268 Jugendfürsorgeeinrichtungen, was rund 70 Prozent aller Einrichtungen in den Niederlanden entspricht. Es wurde herausgefunden, dass rund ein Viertel aller Einrichtungen mittlerweile rote Zahlen schreibt – trotz eines allgemeinen Anstiegs des Umsatzes und der Anzahl an Klienten innerhalb dieser Branche. Vor allem die großen Einrichtungen sehen sich mit deutlichen Problemen konfrontiert. Das hängt unter anderem mit der Tatsache zusammen, dass sie häufig Zweigstellen in mehreren Gemeinden haben, wodurch unterschiedliche Regelungen und Vorgaben eingehalten werden müssen und die Verwaltungskosten dadurch exponentiell ansteigen. Im Jahr 2015 wurde die Verantwortung für die jeugdzorg von der niederländischen Regierung an die jeweiligen Gemeinden abgegeben, in denen eine Einrichtung vorhanden ist. Daher können sich die jeweiligen Prozedere von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. Die Beratungsstelle Berenschot berechnete im vergangenen Monat, dass 29 Prozent des gesamten Budgets durch diese Umstellung allein in Koordinationskosten aufgehen.

Die Tarife, die Einrichtungen mit einer bestimmten Gemeinde absprechen, sind darüber hinaus nicht immer ausreichend, um alle anfallenden Kosten decken zu können. Gleichzeitig mussten zusätzliche 13,5 Prozent des Budgets für die Einstellung von Zeitarbeitskräften ausgegeben werden, da die Branche auch unter einem Fachkräftemangel leidet. In den untersuchten Einrichtungen blieben 1.100 Stellen länger als drei Monate lang unbesetzt.

„Es wird etwas einschneidendes passieren müssen, wenn wir verhindern wollen, dass Jugendfürsorgeeinrichtungen bankrottgehen“, so Richard Janssen von der Erasmus Universiteit Rotterdam und der Tilburg University. „So wie es jetzt aussieht, wissen wir, dass es irgendwann zu wenig gutausgebildetes Personal geben wird und Spezialisten den Sektor verlassen.“ In diesem Jahr versprach Minister Hugo de Jonge (CDA) 420 Millionen Euro zusätzlich für die Branche. In den folgenden zwei Jahren sollen darüber hinaus jeweils 300 Millionen Euro investiert werden. Laut Janssen müssten die Gemeinden auch die Prozedere vereinfachen und bessere Absprachen miteinander und mit der Branche treffen. Das würde immerhin verhindern, dass viel Geld für Verwaltung verloren geht.

Die Anzahl der Kinder, die in den Niederlanden Jugendfürsorge bekommt, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, sodass mittlerweile jedes zehnte Kind mit jeugdzorg in Kontakt kam. Dazu zählen nicht nur Pflege- oder Heimkinder, sondern auch Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen, mit geistigen Einschränkungen oder Behinderungen u. v. a. Falls die strukturellen Probleme dieser Branche nicht gelöst werden können, sind letztendlich vor allem die hilfsbedürftigen Kinder die Leidtragenden.