VERKEHRSSICHERHEIT: Unfälle auf niederländischen Autobahnen haben stark zugenommen

Den Haag, EF/NRC/VK, 14. Oktober 2019

Auf niederländischen Autobahnen ist die Anzahl der Unfälle stark angestiegen. Allein in den letzten fünf Jahren hat sich diese Anzahl sogar mehr als verdoppelt. Bei den Unfällen handelt es sich vor allem um Auffahrunfälle und um Unfälle auf dem Seitenstreifen. Als mögliche Gründe stehen unter anderem das bewusste Risikoverhalten von Verkehrsteilnehmern und die verminderte Kontrolle durch die niederländische Polizei im Fokus.

Die Sicherheit auf niederländischen Autobahnen hat sich im Verlauf der letzten Jahre erheblich verschlechtert. Nicht nur die Anzahl der Unfälle ist in den letzten Jahren gestiegen. Auch kam es zu deutlich mehr Todesfällen. Die Hauptursachen für diesen Anstieg werden vor allem in der zu hohen Geschwindigkeit und der Ablenkung beim Autofahren, beispielsweise durch den Gebrauch von Smartphones gesehen. Möglicherweise spielt auch die verminderte Kontrolle durch die niederländische Polizei eine Rolle, heißt es in einem umfassenden Bericht der Stiftung für Verkehrssicherheitsforschung (Stichting Wetenschappelijk Onderzoek Verkeersveiligheid, kurz: SWOV), der am Montag veröffentlicht wurde. In Auftrag gegeben wurde dieser Bericht von dem niederländischen Forschungsprogramm Politie en Wetenschap.

Insgesamt hat sich die Anzahl der Verkehrsunfälle in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. In konkreten Zahlen bedeutet dies, dass im Jahr 2014 insgesamt 17.000 Unfälle registriert wurden. 2018 waren es sogar 38.000 Unfälle. Allein im vergangenen Jahr kamen von den 678 Verkehrstoten 81 auf niederländischen Autobahnen ums Lebens. 2014 waren es noch 63. „Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung“, sagt SWOV-Direktor Peter van der Knaap.

Vor allem die Auffahrunfälle bei Staus und die Anzahl der Unfälle auf den Seitenstreifen sind drastisch gestiegen. Eine wichtige Ursache dabei ist die Nachlässigkeit der Autofahrer in Kombination mit „bewusstem Risikoverhalten“, wie der Nutzung von Smartphones, anderem Infotainment im Auto oder aber das bewusste „Kleben an Stoßstangen“. Weiterhin spielt der Konsum von Alkohol und Drogen eine wichtige Rolle. Auch werde der im Auto verbauten Technologien zu viel Vertrauen geschenkt, beispielsweise, wenn es um das Fahren mit einem Tempomat geht. Auch „exzessive Geschwindigkeitsüberschreitungen“ von mehr als 40 km/h über dem Tempolimit spielen bei den zahlreichen Unfällen eine große Rolle.

Eine weitere wichtige Ursache für die erhöhte Anzahl der Unfälle könnte das weitestgehende Verschwinden einer gezielten Überwachung durch die niederländische Polizei sein. Anfänglich kontrollierten Polizeibeamte der niederländischen Bundespolizei (Korps Landelijke Politiediensten, kurz: KLPD) täglich, ob „aggressives oder gefährliches Fahrverhalten“ vorliegt, so der Bericht. Außerdem führte die Polizei regelmäßig Alkohol-, Sicherheitsgurt- und Geschwindigkeitskontrollen durch. Für die Durchführung dieser Kontrollen wurden vor zehn Jahren für rund 1.500 km Wegstrecke etwa 50 Beamte eingesetzt. Die bevorstehende Bildung der nationalen Polizei, die 2013 abgeschlossen wurde und Veränderungen in der KLPD führten jedoch zu einem Kurswechsel. Statt „gewöhnlichen“ Verkehrssündern zu Leibe zu rücken, steht die Fahndung nach Kriminellen auf niederländischen Autobahnen im Fokus. Die Durchsetzung der Verkehrsregeln rückte immer weiter in den Hintergrund.

Diese Veränderung lässt sich auch erkennen, wenn man die Anzahl der allgemeinen Verkehrskontrollen betrachtet, hieß es in dem Bericht. In diesen Fällen werden auffällige Verkehrsteilnehmer von der Polizei angehalten und im Falle eines Vergehens mit einem Bußgeld bestraft. Im Jahr 2017 wurden rund 20.000 Verkehrsteilnehmer auf niederländischen Autobahnen von der nationalen Polizei angehalten. Die angestrebte Zahl der Verkehrskontrollen liegt aktuell allerdings bei rund 30.500 Kontrollen. Im Jahr 2006, als die niederländische Bundespolizei noch aktiv war, waren es noch etwa 100.000 Kontrollen, zeigt die Studie.

Die Durchsetzung der Verkehrsregeln auf niederländischen Autobahnen sei unerlässlich, habe aber in den vergangenen Jahren keine Priorität genossen, so Van der Knaap. Er verweist damit auf die nationale Sicherheitsagenda für die Jahre 2019 bis 2022 des Justizministers Grapperhuis (CDA) mit Hinblick auf die Prioritätensetzung für die niederländische Polizei. In der Sicherheitsagenda würde Van der Knaap zufolge viel Gutes gesagt, beispielsweise über das Unterbinden von finanzieller Kriminalität. Die Verkehrssicherheit käme in der Agenda aber deutlich zu kurz. Aus dem Bericht des SWOV geht hervor, dass im Jahr 2017 rund drei Viertel der Standorte für Radarkontrollen nicht nur aus Gründen der Verkehrssicherheit ausgewählt wurden, sondern dazu gedient haben, mittels Kennzeichenerkennung Menschen mit ausstehenden Bußgeldern oder Steuerschulden ausfindig zu machen. Hierfür wird aktuell ein Team von 15 Polizeibeamten eingesetzt. Die Straßen, auf denen Statistiken zufolge ein hohes Unfallrisiko herrscht, sind aktuell nur zu 25 Prozent mit Kameraüberwachung abgedeckt,

Zwar seien, so Van der Knaap, auf niederländischen Autobahnen neben der nationalen Polizei auch andere Einheiten aktiv, um die Autobahnen allerdings sicherer zu machen, müsse man die Kontrollen deutlich erhöhen. Internationale Studien zeigen, dass die sichtbare Anwesenheit der Polizei das Fahrverhalten der Autofahrer positiv beeinflusst. Verkehrsteilnehmer würden, so die Studie, bei vermehrt wahrnehmbarer Kontrolle durch die niederländische Polizei mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Fahrverhalten anpassen, um eine mögliche Strafe zu vermeiden. Dabei verweisen die Forscher auf die Resultate einer Versuchsreihe, die auf den Autobahnen A12 und A16 durchgeführt wurden. Hier wurden regelmäßige Radarkontrollen mit einer aktiven Überwachung und allgemeinen Verkehrskontrollen kombiniert. In sechs Wochen wurden 600 Autofahrer angehalten. Allein 400 davon aufgrund der Nutzung eines Smartphones während der Fahrt. Die Kombination von Kameraüberwachung und regelmäßigem „Streife fahren“ sei sehr wichtig, betont Van der Knaap. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass sichtbare Kontrollen, die vorzugsweise im Voraus angekündigt werden, bei Autofahrern zu viel mehr Verständnis führen, als eine schlichte, heimliche Kameraüberwachung.

Insgesamt seien auch die Verkehrsteilnehmer in den letzten Jahren immer unzufriedener über die Verkehrssicherheit auf niederländischen Autobahnen. Vergleicht man diesbezügliche Studien der letzten Jahre, so ist ein deutlicher Abwärtstrend sichtbar. Noch 2013 waren laut Umfrage 83 Prozent der befragten Verkehrsteilnehmer mit der Verkehrssicherheit zufrieden. 2017 waren es nur noch 78 Prozent.