GESELLSCHAFT: Protestaktion von tausenden von Landwirten verursacht großen Stau auf niederländischen Straßen

Den Haag, EF/NRC/VK/NOS/AD, 02. Oktober 2019

Am Dienstagmorgen sorgte eine Demonstration von tausenden von Landwirten für ein großes Verkehrschaos auf niederländischen Straßen. Bauern aus allen Provinzen des Landes steuerten mit ihren Landmaschinen das Malieveld in Den Haag an, um ihrem Ärger über ihr negatives Image und über die politischen Maßnahmen zur Stickstoffreduktion Ausdruck zu verleihen. Die Stickstoffkrise in den Niederlanden und die damit verbundene Forderung, den Viehbestand zu halbieren, trug dabei maßgeblich zu dem Unfrieden bei.

Organisiert wurde diese Demonstration von der Protestgruppe Agractie, die nicht nur aus Landwirten, sondern auch aus Lieferanten und anderen im Agrarsektor tätigen Menschen besteht. Insgesamt wurden, so Bart Kemp, Leiter von Agractie, rund 150 Bauern erwartet. Mit einer derartigen Resonanz hatte er allerdings nicht gerechnet, denn rund 10.000 Männer und Frauen aus allen Regionen der Niederlande machten sich bereits mitten in der Nacht mit ihren Traktoren auf den Weg zum Malieveld, einer rund zehn Hektar großen Rasenfläche in Den Haag. „Dies ist die größte Landwirtschaftsaktion aller Zeiten“, so Kemp.

Die Auswirkungen dieser Protestaktion bekamen jedoch nicht nur die Menschen in Den Haag zu spüren. Auf vielen Landstraßen waren kilometerlange Reihen von Traktoren zu sehen, an denen sich immer wieder weitere Traktoren anschlossen. Zwar gab es seitens Agractie die Anweisung, keine Straßen, Kreuzungen oder Gabelungen zu versperren, die Masse an Traktoren beeinflusste den Verkehrsfluss auf den Straßen jedoch erheblich. Bereits früh am Morgen legten die insgesamt 2.220 Traktoren den Berufsverkehr lahm und sorgten mit einer Länge von 1.136 km für den längsten Stau, den es, so die niederländische Rundfunkanstalt NOS, jemals gegeben hat.

Neben dieser Anweisung gab es noch weitere Absprachen zwischen der Protestorganisation und der Gemeinde. Zuvor wurde festgelegt, dass sich im Verlauf dieser Aktion maximal 75 Traktoren auf dem Malieveld einfinden durften. Andere Demonstranten sollten die Möglichkeit bekommen, ihre Fahrzeuge beim Fußballstadion des Clubs ADO Den Haag oder aber am Strand von Scheveningen abzustellen. Von hier aus sollten ihnen Shuttle-Busse zur Verfügung gestellt werden. Aufgrund des großen Andrangs wurde im Laufe des Vormittags die maximale Anzahl von 75 Traktoren von der Bürgermeisterin Pauline Krikke (VVD) jedoch aufgehoben. Schlussendlich war das Malieveld mit rund 400 der 2.200 in Den Haag angekommenen Landmaschinen ausgelastet.

Die Traktoren der Landwirte waren übersäht mit Bannern. Auf ihnen waren Sprüche zu lesen wie „Ook een vegetariër kan niet zonder Agrariër” (übersetzt: Auch Vegetarier können nicht ohne Agrarier.) oder „Eieren, vlees of friet, zonder boeren gaat het niet” (übersetzt: Eier, Fleisch oder Pommes, ohne Bauern geht es nicht). Viele der Landwirte möchten damit zum Ausdruck bringen, dass sie ihr schlechtes Image zu Unrecht verdienen. „Wenden Sie sich doch zuerst an die Touristen, die für ein paar Euros durch ganz Europa fliegen. Oder die Autofahrer. Oder die umweltverschmutzenden Betriebe. Aber nein, wir haben ein Umweltproblem und wir wenden uns wieder den Bauern zu“, heißt es zynisch aus den Reihen der Landwirte.

Mit diesen Werbebannern möchten die Landwirte jedoch nicht nur auf ihr schlechtes Image aufmerksam machen. Viele Landwirte sehen sich vor allem auch finanziell nicht in der Lage, den wechselnden Forderungen der Regierung nachzukommen. Der Milchbauer Jorrit Postma aus Longerhouw ließ in diesem Zusammenhang verlauten, dass er vor kurzem noch Phosphatrechte im Wert von 35.000 Euro erworben hat. Diese musste er hinzukaufen, um seinen Viehbestand aufrechterhalten zu können. Doch nun, so Postma, scheint es, als habe die Regierung zu viele Phosphatrechte erteilt und wolle diese nun wieder vom Markt nehmen. Hinzu komme außerdem, dass die Ausgaben des Landwirtes zunehmend steigen, der Milchpreis allerdings konstant bleibe. Würde man jetzt von ihm fordern, seinen Viehbestand zu halbieren, sei er weder in der Lage, seine Schulden zu bezahlen, noch von seinem Einkommen zu leben, hieß es seitens des Milchbauers.

Die Forderung, den Viehbestand in der niederländischen Landwirtschaft zu halbieren, war im Allgemeinen ein zentrales Thema dieser Demonstration. Dieser Vorschlag stammt von Tjeerd de Groot, Abgeordneter der niederländischen Partei D66, der in dieser Idee eine Lösung für die niederländische Stickstoffkrise sieht. Die Landwirte bekundeten am Dienstag allerdings ihre Unzufriedenheit über die Forderung von de Groot mit Buhrufen. „Die Probleme der Niederlande gehören nicht auf unseren Teller“, hieß es seitens des Pressesprechers der Protestorganisation. Umso zufriedener schienen die Landwirte über die Aussage der Landwirtschaftsministerin Carola Schouten (ChristenUnie) zu sein, die ihnen versicherte, dass es, solange sie das Amt der Landwirtschaftsministerin innehabe, keine Halbierung des Viehbestands geben werde.

Die Resonanz der Bevölkerung auf diese Protestaktion fiel, trotz einiger Zweifel seitens der Landwirte, überwiegend positiv aus. Laut der Radiosendung Stand.nl des niederländischen Senders NPO Radio 1 stimmen 93 Prozent ihrer Hörer der Meinungen der Bauern zu. Selbst die Verkehrsteilnehmer, die am Dienstagmorgen durch den entstandenen Stau aufgehalten worden sind, pflichten den Landwirten bei, so die niederländische Rundfunkanstalt NOS. „So viel Unterstützung seitens der Bürger hätte ich nicht erwartet“, hieß es seitens des Spargelbauers Hermen Hoorn.

Zusammenfassend verlief die Protestaktion im Allgemeinen sehr ruhig. Die erwarteten Gegenproteste blieben aus. Lediglich ein paar Zäune wurden von Traktoren überfahren. Die meisten Demonstranten verließen Den Haag entsprechend mit einem positiven Gefühl, hauptsächlich wegen der Verbrüderung auf dem Malieveld, aber auch aufgrund des Versprechens von Ministerin Carola Schouten.