POLITIK: Aktive Sterbehilfe für Kinder gefordert

Den Haag, TA/NRC/VK/NOS/Trouw, 01. Oktober 2019

Niederländer, die unheilbar krank sind, können Sterbehilfe beantragen. Das ist unter Zustimmung der Erziehungsberechtigten bereits ab einem Alter von 12 Jahren möglich. Lediglich für Kinder, die jünger als 12 Jahre alt sind, gibt es keine rechtlichen Möglichkeiten für Sterbehilfe in den Niederlanden. Daher muss hier häufig auf Schmerzmittel oder palliative Sedierung zurückgegriffen werden. Auch können Eltern sich – legal – dazu entscheiden, ihr Kind durch Nahrungsverweigerung sterben zu lassen. Das müsse sich ändern, sagen Kinderärzte, die regelmäßig mit schwerkranken Kindern arbeiten. Die Mehrheit von ihnen fordert aktive Sterbehilfe für Kinder.

Laut einer Studie unter der Leitung von Eduard Verhagen, Leiter der Pädiatrie am UMCG, kommen 5 bis 10 Kinder in den Niederlanden jährlich in Frage für Sterbehilfe. Für Kinder oder Jugendliche, de älter als zwölf Jahre oder jünger als ein Jahr alt sind, gibt es in den Niederlanden bereits gesetzliche Regelungen für aktive Sterbehilfe. Lediglich für den Zeitraum dazwischen ist Sterbehilfe verboten, da Kinder in diesem Alter als „äußerungsunfähig“ gelten – eine wichtige Voraussetzung für Sterbehilfe.

Die bereits genannte Studie wurde von drei großen niederländischen Krankenhäusern - vom UMCG Groningen, vom Erasmus MC in Rotterdam und vom UMC in Amsterdam - durchgeführt. Dabei wurden 38 Ärzte befragt, die in den letzten fünf Jahren unheilbar kranke Kinder behandelt haben. Bei 46 der Patienten waren die Ärzte der Meinung, dass Sterbehilfe die bessere Alternative zu den zurzeit bestehenden Behandlungsmöglichkeiten gewesen wäre. Die Diskussion um Sterbehilfe für Kinder ist nicht neu, allerdings ist laut dem NOS das erste Mal umfassend auch die Erfahrung und Meinung von Kinderärzten untersucht worden.

Die Reaktion auf diese Studie seitens der niederländischen Politik waren gemischt. Während Parteien wie die D66, GroenLinks und PvdA ernsthaft über dieses Thema nachdenken wollen, äußerten sich christlich orientierte Parteien wie der CDA oder die ChristenUnie zurückhaltend. Kees van Stij, Parteiführer der orthodox-christlichen SGP, sprach sich für optimale medizinische Versorgung der betroffenen Kinder aus, um deren Schmerzen zu lindern. „Töten auf Wunsch“ lehne die SGP jedoch ab.

Momentan können sich Eltern – in Übereinstimmung mit dem Gesetz - dazu entschieden, die Nahrungsmittelzufuhr für schwerkranke Kinder einzustellen, um deren Leid zu stoppen. Dieser Prozess, bei dem betroffene Kinder verhungern, kann Tage oder sogar Wochen dauern. Hier würde aktive Sterbehilfe den Leidensprozess unheilbar kranker Kinder beträchtlich verkürzen können. Laut der Tageszeitung Trouw sei es jedoch unwahrscheinlich, dass in einem Kabinett mit ChristenUnie und CDA aktive Sterbehilfe für Kinder möglich gemacht werde. Wahrscheinlicher sei eine Regelung für Personen unter zwölf, die bereits als „äußerungsfähig“ gelten. Hiermit wäre allerdings nur einer kleinen Gruppe von Betroffenen geholfen.