RENTE: Gender Pension Gap in den Niederlanden: Männer erhalten ein Drittel mehr Rente als Frauen

Den Haag, SF/VK/Trouw/CBS/Rijksoverheid, 9. April 2019

11.600 Euro brutto können Niederländerinnen und Niederländer durchschnittlich pro Jahr erwarten, wenn sie in Rente gehen. Das hat das niederländische Amt für Statistik (CBS) errechnet. Blickt man ins Detail, sieht man aber, dass es so einfach wiederum doch nicht ist. Denn: Hinter den durchschnittlichen 11.600 Euro verbirgt sich eine immense Spreizung. Das Nachsehen haben hierbei die Frauen, denn sie bauen im Arbeitsleben nur eine Rente in Höhe von durchschnittlichen 9.200 Euro brutto pro Jahr auf. Männer hingegen können sich im Schnitt über 13.700 Euro im Jahr freuen. Woher kommt dieser Gender Pension Gap?

Weltweit ist das niederländische Rentensystem dafür bekannt, ausgesprochen effektiv zu sein. Der Grund für das Lob: Das Rentensystem basiert auf drei Säulen. Erstens hat jeder Niederländer das Recht auf eine Mindestrente, ganz egal ob er jemals Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt hat oder nicht. Das Eintrittsalter für die Mindestrente lag ursprünglich bei 65 Jahren, steigt jedoch momentan sukzessiv aufgrund der wachsenden Lebenserwartung. Hinzu kommt zweitens die betriebliche Altersvorsorge für Arbeitnehmer. Drittens können Niederländer auch eine private Vorsorge am Kapitalmarkt aufbauen.

Die CBS-Studie befasst sich mit der zweiten Säule, also dem Rentenaufbau durch Arbeit. Angenommen wurde, dass sich Löhne und Arbeitszeiten im Berufsleben nicht verändern, um einen statistischen Überblick über den Rentenaufbau zu erlangen. Interessant ist, dass mit steigendem Alter die Benachteiligung der Frauen wächst. Würden sich zum Beispiel die (niedrigen) Löhne der 25- bis 30-Jährigen bis zum Renteneintritt nie ändern, gäbe es so gut wie keinen Geschlechterunterschied in der Rentenhöhe. Doch in der Regel verändern sich die Löhne im Laufe des Berufslebens – und damit auch die Rentenansprüche. Besonders stark ausgeprägt ist der Gender Pension Gap bei den über 60-Jährigen: Männer erhalten eine Jahresrente von 16.800 Euro, während Frauen sich mit gerade einmal 7.700 Euro im Jahr begnügen müssen. Im Durchschnitt stehen die Frauen übrigens um ein Drittel schlechter da als ihre männlichen Altersgenossen.

Laut CBS erklären sich die schlechten Renten der Frauen mit der geringen Beschäftigungsquote weiblicher Arbeitnehmer. In den Niederlanden - dem Land mit der höchsten Teilzeiterwerbsquote Europas - arbeiten Frauen darüber hinaus signifikant häufiger in Teilzeit als männliche Altersgenossen. Ingesamt verdienen Frauen dadurch weniger und können eine geringere Rente aufbauen als Männer. Das CBS veröffentlichte die Studie über Geschlechterdiskriminierung in Mitten einer jahrelang andauernden Rentendebatte. Darin kam die wirtschaftliche Diskriminierung der Frau bisher nicht auf den Verhandlungstisch.

Rentenreformen werden in den Niederlanden durch das Poldermodell getroffen, was bedeutet, dass die Regierung mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden über eine gesellschaftlich tragfähige Reform berät. Doch seit einiger Zeit ist die Debatte festgefahren, wie De Volkskrant-Kolumnistin Sheila Sitalsing kritisiert. Alle Diskussionsteilnehmer würden auf stur stellen, so Sitalsing: „Die Diskussion über die Rentenreform, die sich seit acht Jahren dahinschleppt, hat sich zum Brexit des Poldermodells entwickelt.“ Denn Gewerkschaften und Arbeitgeber würden einander immer wieder steinalte Argumente an den Kopf werfen, so komme man nicht voran.

Was die Gewerkschaften fordern, ist ein Einfrieren des Renteneintrittsalters, das nicht mehr steigen soll. Des Weiteren wollen sie eine zusätzliche Rente, die die Menschen im Alter besser absichert. Für ihre Forderungen haben die Gewerkschaften in jüngster Vergangenheit mehrere Streiks und Demonstrationen organisiert – jedoch haben sie mit einem starken Mitgliederverlust zu kämpfen. Ein Hoffnungsschimmer: Die Vierer-Koalition von Mark Rutte (VVD) möchte einen Schritt auf die Opposition zugehen, damit wieder Bewegung in die Rentenreform kommt. So steht Sozialminister Wouter Koolmees (D66) im regen Kontakt mit dem Sozialdemokraten Lodwijk Asscher (PvdA) über eine mögliche Anpassung der Rente. Die Sozialdemokraten wollen den Renteneintritt verlangsamen, frühere Eintrittsregelungen für Menschen mit körperlich intensiven Berufen sowie Neuregelungen für Selbstständige in Gesetz gießen. Ob sich auch die Gewerkschaften mit dem Kompromiss anfreunden können, wird sich in Zukunft zeigen.