ARBEITSMARKT: 223.000 Menschen in den Niederlanden können Familie und Beruf nicht vereinbaren

Den Haag, SF/CBS, 13. August 2019

Mehr als 220.000 Niederländerinnen und Niederländer können oder wollen nicht arbeiten, weil sie mit Pflegeaufgaben in der Familie ausgelastet sind. Das ergab eine Umfrage des niederländischen Statistikamts CBS. Seit fünf Jahren stagniert diese Zahl. Die privaten Vollzeitpflegekräfte machen 6 Prozent der Nicht-Berufsbevölkerung aus, meldet das CBS. Als Gründe für den Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt werden mangelhafte Betreuungsmöglichkeiten und die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf genannt.

Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Diesen Umstand bringt der Begriff der Care-Arbeit auf den Punkt, der sich in der feministischen Ökonomik etabliert hat. Care-Arbeit bezeichnet alle Tätigkeiten der Pflege und des Sich-Kümmerns im Haushalt. Den Care-Sektor in den Niederlanden hat das CBS nun in einer Befragung unter die Lupe genommen: 223.000 Niederländerinnen und Niederländer waren im Jahr 2018 demnach Vollzeit ausgelastet mit Pflegeaufgaben in der Familie und können deshalb keiner bezahlten Arbeit nachgehen. Erstaunlich dabei: Care-Arbeit ist überwiegend weiblich. Während sich 211.000 Frauen in den Niederlanden um den Haushalt kümmern, verzichten gerade einmal 12.000 Männer auf einen bezahlten Job.

Diese Zahlen wurden im Rahmen einer Studie über die niederländische Berufsbevölkerung erhoben. Zur Berufsbevölkerung zählen alle Menschen in den Niederlanden, die zwischen 15 und 75 Jahren alt sind. 2018 waren 3,8 Millionen Niederländer von der Berufsbevölkerung ausgeschlossen, weil sie keiner bezahlten Beschäftigung nachgehen, augenblicklich keine Arbeit suchen oder in absehbarer Zeit dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. 1,5 Millionen gaben im letzten Jahr an, zu alt für den Arbeitsmarkt zu sein. Insgesamt machen also die Care-Arbeiterinnen und -Arbeiter 6 Prozent der Nicht-Berufsbevölkerung in den Niederlanden aus.

Die gute Nachricht: Seit 2008 hat der Anteil um ein Drittel abgenommen. Waren damals 313.000 Menschen mit privater Pflege ausgelastet, ist diese Zahl bis heute um 100.000 gesunken. Interessant ist, dass 2008 nur 8.000 Männer Pflegeaufgaben übernahmen. Der Anteil der männlichen Pflegekräfte im Care-Sektor ist also gestiegen. Andererseits stellt man bei näherem Hinsehen fest, dass seit fünf Jahren die Zahl der privat Pflegenden stagniert: Bis 2013 ist der Care-Sektor zwar kontinuierlich geschrumpft, hat sich allerdings ab diesem Zeitpunkt auf etwa 230.000 bis 220.000 Pflegekräfte pro Jahr eingependelt.

Die Gründe für eine Auszeit aus dem Arbeitsmarkt sind vielfältig. Am häufigsten wird der CBS-Umfrage zur Folge die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf genannt. Aber auch mangelnde Betreuungsmöglichkeiten für Kinder sowie kurze Öffnungszeiten von Schulen und Kindergärten zwingen Eltern dazu, sich zuhause um den Nachwuchs zu kümmern. Dies trifft insbesondere auf Eltern mit Kinder unter 13 Jahren zu: 20.000 Personen – darunter 86 Prozent Frauen – mussten 2018 notgezwungen ihren Job aufgeben, weil sich Familie und Arbeit nicht kombinieren ließen. 27.000 Niederländerinnen und Niederländer, die zu den Glücklichen mit einer Arbeitsstelle zählen, mussten aus diesem Grund ihre Arbeitszeit reduzieren und arbeiten unfreiwillig in Teilzeit. Damit zeigt sich: Stimmen die Rahmenbedingungen, wird Arbeitspotenzial freigesetzt. Für die Niederlande ist also Luft nach oben auf dem Arbeitsmarkt.