WIRTSCHAFT: Kommt der Abschwung?

Den Haag, SF/VK/CPB, 06. August 2019

Die Wirtschaft der Niederlande steht zurzeit gut da. Die Frage ist nur, wie lange noch. Denn im ersten Quartal 2019 lag das Wirtschaftswachstum mit 0,5 Prozent vergleichsweise niedrig. Laut einer Analyse der Tageszeitung de Volkskrant würden sich darüber hinaus die Anzeichen verdichten, dass bald eine Rezession drohen könnte. Auch das Wirtschaftsforschungsinstitut CPB warnt in einer kürzlich erschienen Studie vor einem Abkühlen der Konjunktur. Das Wachstum soll demnach von 1,7 Prozent im Jahr 2019 auf 1,5 Prozent im darauffolgenden Jahr absinken.

Es weht ein „rauer Wind aus dem Ausland“ in die Niederlande, schreibt das Centraal Planbureau (CPB), das führende Wirtschaftsforschungsinstitut der Niederlande. Die Auslöser für den ökonomischen Klimawandel seien die unsichere Lage in Italien und die Chance auf einen no-Deal-Brexit, sondern auch die unberechenbare Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump. Dieser befindet sich gerade in einem handfesten Handelskonflikt mit der Volksrepublik China, der die Preise steigen lässt und das Vertrauen der Verbraucher beeinträchtigt.

Aber auch in den Niederlanden selbst vermehren sich die Anzeichen dafür, dass der Boom bald ein Ende hat. Stichwort: Arbeitsmarkt. Zwar liegt mit 9 Millionen Arbeitnehmern die Beschäftigungsquote in den Niederlanden auf einem Rekordhoch, allerdings klagen viele Unternehmen darüber, dass sie kein geeignetes Personal finden können. Insbesondere im Bausektor, der Gastronomie und im Bildungswesen bleiben etliche Stellen unbesetzt. Und das, obwohl die Arbeitslosigkeit in der ersten teilzeitarbeitsbasierten Volkswirtschaft der Welt 3,4 Prozent beträgt – ein Rekordtief. Hinzu kommt, dass immer weniger feste Arbeitsverträge geschlossen werden und die Zahl der Arbeitssuchenden zunimmt.

Auch auf den Immobilienmarkt spannt sich die Lage an. Die Preissteigerung der letzten Jahre scheint an ein Ende zu kommen. Sollten die Immobilienpreise nun ruckartig fallen, würde die Blase platzen. Schlimmstenfalls könnte das eine Krise zufolge haben; die Immobilienkrise aus den USA etwa, die sich 2007 zu einer weltweiten Finanzkrise auswuchs, ist den allermeisten noch in schmerzhafter Erinnerung. Zudem: In den Vereinigten Staaten ist der Wohnungsmarkt zum Stillstand gekommen. Die Immobilienpreise wuchsen im Juni dort um nur 0,1 Prozent. In den Niederlanden wurden im ersten Quartal ausgesprochen wenige Baugenehmigungen ausgesprochen. Die Knappheit auf dem Immobilienmarkt bleibt also bestehen. Die geringen Investitionen bringen gleichzeitig die geringen Aktivitäten auf dem Wohnungsmarkt zum Ausdruck.

Zurück auf die internationale Bühne der Wirtschaft. Als Anzeichen für eine kommende Rezension wertet de Volkskrant die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Die US-Zentralbank Fed senkte vergangene Woche den Leitzins. Zu erwarten ist daher, dass die EZB diesem Beispiel folgt. Werden die Zinsen gesenkt, ist es für Unternehmen und Haushalte leichter, Kredite aufzunehmen. Damit sollen Investitionen und Konsum stimuliert werden, weil sich Sparen durch die niedrige Verzinsung nicht mehr lohnt. Mit der Niedrigzinspolitik soll schließlich die Konjunktur angekurbelt werden. Zurzeit ist es aber so, dass Kredite mit langer Laufzeit billiger sind als kurzfristige Anlagen. In den Niederlanden und auch in Deutschland sind die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen sogar negativ – man bekommt Geld zum Kredit de facto geschenkt. Das bedeutet gleichzeitig, dass auf eine Wachstumsverzögerung spekuliert wird. Für Volkswirte ist dies in der Regel Ausdruck eines baldigen Abschwungs.

Insgesamt gehen die Ökonomen des CPB von geringen Wachstumschancen in der nächsten Zeit aus. Das Wachstum in der Eurozone liegt derweil bei 1,1 Prozent – ein ungünstiges Umfeld für die niederländische Wirtschaft. Aber: Es kann auch alles ganz anders kommen. Fakt ist, dass die Wirtschaft oft unberechenbarer ist, als sich Volkswirte sie rechnen.