WIRTSCHAFT: 1 Cent extra fürs Klima – Shell bietet „CO2-neutrales“ Tanken an

Den Haag/London, SF/NOS/NRC/DN/Shell/Milieudefensie, 8. April 2019

Ob Flugzeuge, Schiffe oder Autos: Kraftstoffbetriebene Fahrzeuge stoßen Kohlenstoffdioxid (CO2) aus, das wiederum die Klimaerhitzung antreibt. Die Unternehmen werden deshalb zum Umdenken animiert, so auch der niederländisch-britische Ölriese Shell. Der Erdölkonzern, in dessen Hand sich rund 40.000 Tankstellen auf der ganzen Welt befinden, möchte Verantwortung fürs Klima übernehmen. Aus diesem Grund können ab nächster Woche Mittwoch Kunden, die in den Niederlanden an einer Shell-Tankstelle Kraftstoffe beziehen, 1 Cent pro Liter für Klimaschutzprojekte spenden. Insgesamt will der Konzern auf diese Weise in den nächsten drei Jahren 267 Millionen Euro investieren, um den eigenen CO2-Ausstoß und die Emissionen der Kunden zu kompensieren. Kritiker werfen Shell Augenwischerei vor.

Mit den Geldern, die Shell ab demnächst zur Verfügung stellt, sollen Bäume gepflanzt werden. Dafür konnte der Ölkonzern bereits Aufforstungsprojekte in Peru und Indonesien für sich gewinnen. Auch wird Shell mit der niederländischen Forstverwaltung, dem Staatsbosbeheer, kooperieren. Mehr als 5 Millionen Bäume sollen dadurch in den kommenden zwölf Jahren in den Wäldern der Niederlande gepflanzt werden. Die gepflanzten Bäume sollen das vom Konzern und den Shell-Kunden ausgestoßene CO2 binden und dadurch die CO2-Bilanz perspektivisch auf null senken. Shell bietet seinen Kunden nach eigenen Angaben eine Zwischenlösung an, solange flächendeckende Elektromobilität noch nicht nutzungsreif ist. Die Idee, den CO2-Ausstoß mit Klimaschutzprojekten zu kompensieren, wurde bislang vor allem von der Flugfahrtindustrie genutzt. Flugreisende konnten durch freiwillige Zusatzzahlungen ihre Emissionen kompensieren; dieses System hat Shell nun erstmals für Autofahrer übernommen.

Shell ist der einzige Erdölförderer, der sich Klimaschutz und Nachhaltigkeit verschrieben hat. Bis 2050 will der Ölriese seine CO2-Emissionen zumindest halbieren. All das mit dem Ziel vor Augen, den Vorgaben des Pariser Klima-Abkommens gerecht zu werden. Allerdings handelt Shell nicht ohne Anlass: Der Konzern steht intern unter Druck. Eine kritische Aktionärsgemeinschaft namens Follow This sorgt bei den Aktionärsversammlungen regelmäßig für Wirbel. Die Gruppe will das Unternehmen radikal ökologisch aufstellen. Die CO2-Kompensationen begrüßen die Follow This-Anleger, wenn auch nicht ohne Vorbehalte: „Das ist eine schöne Lösung auf Zeit, aber schlussendlich müssen wir weg von den fossilen Brennstoffen“, so Mark van Balen von Follow This im Rundfunk NOS. Van Balen sieht die Gefahr, dass sich Shell in Ausreden flüchten könnte: „Es darf für Ölkonzerne keine Entschuldigung geben nach dem Motto: Wir haben es den Kunden zwar angeboten, aber sie wollten es nicht.“

Unabhängige Wissenschaftler sehen die Klimapolitik von Shell indes skeptisch. Den CO2-Ausstoß bis 2050 zu halbieren, reiche schlichtweg nicht aus, um die Paris-Ziele zu erreichen. Einen Schritt weiter geht die Umwelt- und Klimaschutzorganisation Milieudefensie: Sie hat den Ölriesen verklagt. Der Vorwurf: Shell täte in Wirklichkeit gar nichts für die Umwelt. Der Konzern würde weiterhin nach Ölvorkommen Ausschau halten und aktuell sogar doppelt so viele Treibhausgase in die Luft pumpen als die gesamten Niederlande. 17.000 Einzelpersonen und 6 Vereine unterstützen die Klage der Milieudefensie, hinzukommen zahlreiche Spender.

Wie Follow This zur Klage der Milieudefensie steht, ist unbekannt. Sicher ist jedenfalls, dass Follow This Shell eine Atempause gönnen will. Das bedeutet, dass auf der nächsten Aktionärsversammlung keine Klimaresolution eingebracht wird. „Der Grund hierfür sind die langfristigen Klimaziele, die sich Shell gestellt hat“, erklärt Van Balen im NRC Handelsblad. Die Atempause bedeutet aber keineswegs eine Aktivismuspause. Im Gegenteil: Follow This will gemeinsam mit anderen kritischen Anteilseignern und einigen Großinvestoren auch andere internationale Ölkonzerne zur Klimaverantwortung zwingen. Auf der Liste der grünen Aktionäre stehen BP, Chevron, Equinor sowie Woodside und Santos. Es bleibt also spannend.