GESCHICHTE: Niederländische Wirtschaft profitierte beträchtlich aus Sklaverei

Amsterdam, SF/DN/The Low Countries Journal of Social and Economic History/statista, 09. Juli 2019

Am 1. Juli 1863 wurde in den Kolonien der Niederlande die Sklaverei abgeschafft. Heute wird jedes Jahr am 1. Juli der Gedenktag Keti Koti begangen. Fast zeitgleich erschien in diesem Jahr eine wissenschaftliche Studie, die die Niederlande in kein gutes Licht rückte: Die Sozialhistoriker Pepijn Brandon und Ulbe Bosma haben errechnet, dass die niederländische Wirtschaft im beträchtlichen Ausmaß von der Sklaverei profitierte. Bis zu 5 Prozent des damaligen Bruttoinlandsprodukts (BIP) soll demnach durch Sklaverei erwirtschaftet worden sein. Zum Vergleich: Die Landwirtschaft machte 2018 keine 2 Prozent des BIP aus.

Es ist eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Niederlande: die Sklaverei. Bereits im 17. Jahrhundert unterhielten die Niederländer erste Kolonien. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Prozess der Dekolonialisierung. So erlangte beispielsweise der heutige Staat Surinam in Südamerika erst im Jahr 1975 seine Unabhängigkeit. Die Kolonialgeschichte der Niederlande ist immer wieder Gegenstand der öffentlichen Debatte. Dabei geht es in erster Linie um die Erinnerungskultur und Umbenennungen.

Eine neue Studie, die von Historikern des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte an der Freien Universität Amsterdam erstellt wurde, dürfte nun neues Öl ins Feuer der Kolonialismus-Debatte gießen: So errechneten Pepijn Brandon und Ulbe Bosma, dass 5,2 Prozent des BIP der niederländischen Wirtschaft durch Sklaverei entstanden ist. Das entspricht etwa der Wirtschaftsleistung des Rotterdamer Hafens, der 6,2 Prozent zum heutigen BIP beiträgt. Allen voran profitierte die zur damaligen Zeit reichste Provinz der Niederlande, nämlich Holland, von der Sklaverei: 10,32 Prozent des holländischen BIP wurde durch Sklaverei erwirtschaftet. Beide Angaben beziehen sich auf das Untersuchungsjahr 1770.

Die immense Bedeutung der Sklaverei für die niederländische Wirtschaft erklären Brandon und Bosma mit der Verwicklung der Niederlande in die internationalen Handelsketten. Diese Ketten umfassen Sklavenhändler, Plantagenbesitzer, Produzenten in den Kolonien sowie die Absatzmärkte in Europa. Insbesondere der Handel mit den Sklavenprodukten Kaffee und Zucker erwiesen sich für die Niederlande als lukrativ. Gewinnbringend war außerdem der Sklavenhandel zwischen Afrika, Amerika und Europa, an dem sich die Niederlande beteiligten. Darüber hinaus kurbelte die Sklavenwirtschaft den Schiffbau und die Industrie auf niederländischen Boden an. 40 Prozent des Wirtschaftswachstums in Holland ist nach Berechnung der Sozialhistorikern auf die Sklaverei zurückzuführen.

Umgerechnet auf Arbeitszeit zeigt sich, dass rund 120.000 Menschenjahre in der Sklavenwirtschaft stecken. „Wenn man sich vergewissert, dass die damalige Berufsbevölkerung der Niederlande aus etwa einer Million Menschen bestand, erkennt man, über welche Ausmaße der Sklaverei wir sprechen“, kommentiert Mitautor Brandon gegenüber dem Internetportal DutchNews. Etwa ein Fünftel aller Produkte, mit denen die Niederlande 1770 handelten, wurden von Sklaven gefertigt.

Durch die Kolonialgüter, die die Niederlande bezogen, erfuhr der europäische Handel einen deutlichen Aufschwung. Die Niederländer verkauften Kaffee und Zucker gewinnbringend ins deutsche Hinterland – somit profitierten indirekt auch die Deutschen von der Sklaverei, die die Niederländer betrieben. Alle Berechungen von Brandon und Bosma basieren im Übrigen auf vorsichtigen Schätzungen. Es ist also gut möglich, dass die Sklaverei eine größere Bedeutung für die Niederlande hatte, als von den Historikern errechnet.

Die Sklavereidebatte zeigt schon jetzt ihre Wirkung. Der Stadtrat von Amsterdam stimmte Mitte Juni mit großer Mehrheit darüber ab, sich im nächsten Jahr zu Keti Koti für die Sklaverei offiziell zu entschuldigen. Damit wäre Amsterdam die erste Stadt der Niederlande, die diesen Schritt wagen würde.