BILDUNG: Lehrermangel nimmt weiter zu

Utrecht, SF/PO-Raad/NOS, 09. Juli 2019

Die Sommerferien fallen in den Niederlanden aus – zumindest für die vielen Schulen, die händeringend nach Personal suchen. So überschreibt der PO-Raad, die Berufsvereinigung der Grundschullehrer, die Pressemitteilung über Lehrermangel. Ungefähr 4.200 Stellen seien unbesetzt, heißt es darin. Nicht nur Lehrkräfte, sondern auch unterstützendes Personal und Schulleiter werden gesucht. Wer vor allem unter dem Lehrermangel leide, seien die Schülerinnen und Schüler, meint Rinda den Besten, Vorsitzende des PO-Raad.

Eine Personallücke gewaltigen Ausmaßes klafft im niederländischen Schulsystem. 3.500 Lehrkräfte fehlen. Das ergab eine Studie, die der PO-Raad in Auftrag gegeben hatte. In die 3.500 offene Stellen werden alle Lehrkräfte eingerechnet, also sowohl Vollzeit als auch Teilzeit arbeitende Lehrer sowie fehlendes Ersatzpersonal für Lehrer in Elternzeit. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Personallücke um 5 Prozent angestiegen. Hinzu kommt, dass rund 320 Rektoren und 400 Unterrichtsassistenten fehlen. Die Folgen des Lehrermangels sind jetzt schon abzusehen: Schulverwaltungen müssen Klassen ab und an nach Hause schicken oder eigentlich unbefugte Lehrkräfte unterrichten lassen. Schon jetzt stehen unter anderen Praktikanten vor den Klassen oder Lehrkräfte in Teilzeit müssen etliche Überstunden ableisten.

„Es ist fatal, die Zukunft der Schüler steht auf dem Spiel“, gibt Rinda den Besten zu bedenken. Die Vorsitzende des PO-Raad greift zu drastischen Worten; sie dramatisiert die Lage aber nicht. Die Schulleistungen selbst rechnen damit, dass die Qualität des Unterrichts unter dem Lehrermangel leiden wird. Wenn Personal fehlt, erhöht sich der Arbeitsaufwand für die Lehrkräfte. Das bedeutet gleichzeitig, dass nicht genügend Kapazitäten übrig sind, um zum Beispiel Quereinsteiger einzuarbeiten. Die Maßnahmen, die die Schulen ergreifen, um die Personallücke zu stopfen, erscheinen verzweifelt: 55 Prozent lassen Praktikanten unterrichten, ein gutes Viertel sieht sich gezwungen, Unbefugte vor die Klassen zu stellen. 14 Prozent bitten zudem Lehrer im Rentenalter, erst später in den Ruhestand zu gehen.

Besonders auffallend ist zudem, dass der Lehrermangel an den Schulen durchaus unterschiedlich ausfällt. Dabei kommt es nicht nur auf die regionale Lage der Schulen an, sondern auch auf das Schulniveau. Der PO-Raad kritisiert etwa, dass der Lehrermangel vor allem Kinder trifft, die Unterstützung brauchen. Denn Lehrer auf Förderschulen wanderten in reguläre Schulen ab, weil sie dort besser bezahlt würden. Das verschärfe die Chancenungleichheit im niederländischen Bildungswesen. Schon jetzt geben 60 Prozent der Schulen an, keine Zeit für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf zu haben. Für Den Besten steht daher fest: „Der Lehrberuf muss attraktiver werden.“ Ein gerechter Lohn gehöre genauso dazu wie flexible Ausbildungswege und lukrative Karrieremöglichkeiten.

Der PO-Raad, die Berufsvereinigung der Lehrer auf weiterführenden Schulen sowie die Gewerkschaften fordern ein sofortiges Notmaßnahmenpaket. 423,5 Millionen Euro müsse die Regierung in Den Haag in den Bildungssektor investieren. Das Geld sei nötig, um die Arbeitsbedingungen an den Schulen deutlich zu verbessern. Ein höheres Gehalt für Lehrer auf allen Schulformen sei nötig, um eine ausreichende Versorgung zu garantieren. Wer sich beispielsweise keine Wohnung in Amsterdam leisten könne, werde dort auch nicht unterrichten, so die Argumentation der Lehrerverbände und Gewerkschaften.

Bereits im letzten Jahr berichtete NiederlandeNet über den Lehrermangel im Nachbarland Niederlande. 2018 wurde nämlich eine Rekordanzahl an Lehrkräften aus dem Ausland in die Niederlande angeworben. Personalknappheit herrscht vor allem in den MINT-Fächern und im Fach Deutsch.