GESELLSCHAFT: Niederländer besorgt über Klima, aber ändern Verhalten kaum

Den Haag, SF/NOS/VK/Trouw/Binnenlands Bestuur 07. März 2019

„Wer nachhaltig denkt, verschmutzt die Umwelt oft am stärksten“ – So überschrieb die Zeitschrift Binnenlands Bestuur einen Artikel über das Klima- und Umweltverhalten der Niederländer. Dem Bericht liegt eine Studie des Forschungsinstituts I&O Research zugrunde, die nicht nur die Einstellung der Niederländer in Klima- und Umweltfragen untersuchte, sondern auch ihr Konsumverhalten. Zwar zeigt sich die Mehrheit der Niederländer besorgt über den Zustand des Klimas, allerdings sind nur wenige dazu bereit, ihren Konsum dauerhaft umzustellen. Vor allem Hochqualifizierte sorgen sich über die Zukunft des Planeten, duschen aber am längsten, fahren am häufigsten Auto und fliegen die meisten Kilometer. „Nachhaltig denken bedeutet noch nicht nachhaltig handeln“, kommentiert Wissenschaftler Peter Kanne, der an der Studie beteiligt war.

Hitzerekorde, Extremwetterlagen und die Demonstrationen von Fridays for Future scheinen nicht spurlos an der niederländischen Gesellschaft vorbei zugehen: 65 Prozent der Niederländer sorgen sich aktuell über das Klima. Allerdings ist der Anteil in den letzten Jahren zurückgegangen, denn Ende 2017 machten sich noch 80 Prozent Sorgen über Klima- und Umweltprobleme. Die Gründe für die Abnahme sind vielfältig und daher schwer zu identifizieren. Studienautor Kanne verweist aber auf den breiten Raum, den die Klimadebatte mittlerweile einnimmt: „Denken wir nur an das Interview von Klaas Dijkhoff im Telegraaf und die Anti-Kampagne in derselben Zeitung. Es geht viel um die Kosten fürs Klima, und eine hohe Stromrechnung ist dabei sicher nicht hilfreich.“ 16 Prozent der Niederländer leugnen gar die menschengemachte Klimakrise – ein Prozentsatz, den es laut Kanne aber schon immer gegeben hat. „Allerdings werden diese Leute in ihren Auffassungen gestärkt, zum Beispiel von Thierry Baudet“, so Kanne. Baudet ist das Gesicht der nationalistischen Partei Forum voor Democratie, die den Klimawandel mit all seinen Auswirkungen auf Mensch und Natur leugnet.

Interessant an der Studie ist auch, dass sich die Befragten ein stärkeres Engagement von Politik und Wirtschaft wünschen. Viele fühlten sich in Anbetracht des immensen CO2-Ausstoßes der Industrie ohnmächtig. „Was bringt schon mein Verzicht, wenn die Wirtschaft weiterhin massenweise CO2 ausstößt?“, fragen sich 59 Prozent der Studienteilnehmenden. Unterstützung vom Staat wünschen sich zudem 37 Prozent: Sie fänden es angemessen, wenn der Staat mehr über Klimaprobleme aufklären und Maßnahmen ergreifen würde. Nur 7 Prozent geben beispielsweise an, dass die Stadtverwaltung ihres Wohnorts darüber informieren würde, welche alternativen Energiequellen Privathaushalte beziehen könnten. Gesetze, die die individuelle Freiheit einschränken, werden dennoch mehrheitlich abgelehnt.

Nichtsdestotrotz ist und bleibt der private Konsum problematisch. Neben den Hochqualifizierten gilt nach der Studie auch die junge Generation als Klimasünder. Sie seien zwar überdurchschnittlich besorgt über das Klima, brächten aber keine Opfer, um ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Im Gegenteil: Sie fliegen öfter und weiter als ältere Generationen, essen das meiste Fleisch und duschen am längsten. Trotzdem verweist Kanne darauf, dass sich das Rad nicht zurückdrehen ließe – nachhaltige Verhaltensänderungen seien mühsam und dauerten oft lange. Aus Sicht des Wissenschaftlers ist der Staat gefragt: „Man vergleiche das mit einem Kind und seinen Eltern. Kinder lieben es, den ganzen Tag Süßigkeiten zu essen, doch als Elternteil verbietet man es ihnen. Dann tun sie es auch irgendwann nicht mehr“, so Kanne gegenüber dem niederländischen Rundfunk NOS.

Auch wenn es an die Finanzen geht, sinkt die Bereitschaft, für das Klima zu verzichten. Fast die Hälfte der Befragten findet, dass sich das Kabinett unter Mark Rutte (VVD) stärker im Klimaschutz engagieren muss, doch 49 Prozent finden es „lächerlich“, dass die Niederlande die Gasförderung in Groningen beenden wollen. Die Anschaffung einer Wärmepumpe sei nach Mehrheitsmeinung zu kostspielig und gleichzeitig sei die finanzielle Zuwendung des Staates zu gering. Interessant ist dabei, dass sich besonders Männer über das Ende der Gasförderung echauffieren (59 Prozent). Männer passen im Übrigen ihr Verhalten seltener an das Klima an als Frauen: Männer fahren zum Beispiel häufiger große treibstoffintensive Autos und sind auch seltener für das Absenken der Höchstgeschwindigkeit auf niederländischen Schnellstraßen.

Ausschlussreich ist ebenfalls ein Blick auf das Wahlverhalten der Klimabesorgten. Wähler der Parteien GroenLinks, SP, ChristenUnie und der Tierschutzpartei verzeichnen den geringsten CO2-Ausstoß, währen der Fußabdruck der Anhänger von VVD, CDA und D66 am größten ist. Die drei letztgenannten Parteien bilden gemeinsam mit der ChristenUnie die Regierungskoalition in den Niederlanden, was die Tageszeitung Trouw mit Blick auf eine Wende in der Klimapolitik pessimistisch stimmt. Des Weiteren widerlegt die Studie das Klischee vom SUV-fahrenden GroenLinks-Wähler, das in den Niederlanden kursiert. Jedoch wird das Klimaverhalten der D66-Anhänger in der Studie angeprangert. Sie inszenierten sich als besonders klimafreundliche Verbraucher, unternähmen aber zusammen mit den VVD-Wählern die meisten Flugreisen. Grund hierfür ist nach Auffassung der Tageszeitung de Volkskrant, dass VVD- und D66-Wähler zur Einkommenselite in den Niederlanden zählen.

Generell aber zeigt sich ein klares Bild in der Studie: Wähler konservativer und rechter Parteien konsumieren signifikant häufiger umweltunfreundlich als Wähler progressiver und linker Parteien – ganz egal ob es um Flugreisen, Energiekosten und –quellen, Fleischverzehr oder Autofahrten geht. Oder wie Trouw provokant titelte: „Der größte Verschmutzer ist männlich, hochgebildet und wählt VVD“.