GESCHICHTE: Niederländische Bahn entschädigt Holocaust-Opfer

Utrecht, SF/VK/NOS/Trouw/Jüdische Allgemeine/Commissie Tegenmoetkoming, 27. Juni 2019

Die niederländische Bahn wird Ende 2019 nach Schätzungen zwischen 5.000 und 6.000 Holocaust-Opfer entschädigen. Während der deutschen Besatzung war die Eisenbahngesellschaft an der Deportation von Jüdinnen, Juden, Sinti und Roma in Arbeits- und Vernichtungslager der Nazis verwickelt. Die Opfer und ihre nächsten Angehörigen sollen nun vom Verkehrsbetrieb entschädigt werden. Eine konkrete Zahl konnte bei der Pressekonferenz nicht genannt werden. Wie der Geschäftsführer der niederländischen Bahn, Roger van Boxtel, jedoch mitteilte, sollen sich die Kompensationszahlungen auf „mehrere zehn Millionen Euro“ belaufen.

„Ein Geldbetrag, der nur ein wenig des Leids, das den Betroffenen angetan wurde, kann nicht benannt werden“, gibt der Jurist und Politiker und ehemaliger Bürgermeister von Amsterdam Job Cohen (PvdA) während der Pressekonferenz zu bedenken. Er saß der Kommission vor, die im Januar 2019 eingerichtet wurde, um die Entschädigungszahlungen durch die niederländische Bahn zu ermitteln. Nun wurde der Abschlussbericht der Kommission im Eisenbahnmuseum in Utrecht vorgestellt. Die vereinbarten Entschädigungen, die fast 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gezahlt werden sollen, betreffen rund 6.000 Menschen. Wichtig ist der Kommission, dass die Opfer individuell entschädigt werden. Überlebende aus der jüdischen und Sinti-und-Roma-Gemeinschaft werden 15.000 Euro erhalten. Witwen und Witwer bekommen die Hälfte, falls die Ehepartner nicht mehr leben. Sollten beide Elternteile verstorben sein, werden die Kinder der Holocaust-Opfer mit 5.000 Euro entschädigt.

Die Empfehlungen der historischen Kommission übernahm die niederländische Bahn ohne Einschränkung. 2005 hatte sich die Eisenbahngesellschaft für die Deportationen bei den Hinterbliebenen entschuldigt, sparte aber Kompensationen aus. 110.000 Jüdinnen und Juden transportierte die niederländische Bahn im Auftrag der deutschen Besatzer ins sogenannte Judendurchgangslager Westerbork oder über die deutsche Grenze. Nur wenige Tausend überlebten. Den Besatzern aus Hitlerdeutschland wurden die Deportationen mit umgerechnet 2,5 Millionen Euro in Rechnung gestellt. Diesen Zahlungsaufforderungen kamen die Nazis nach. „Die Nazis raubten den Juden das Geld, und damit beglichen sie die Rechnungen“, erklärte Salo Muller während der Pressekonferenz. Es ist ihm, dem ehemaligen Physiotherapeuten von Ajax Amsterdam, zu verdanken, dass die Entschädigungszahlungen nun fließen werden.

Muller – mittlerweile 82 Jahre alt, selbst Jude und Sohn von Auschwitz-Ermordeten – sah im letzten eine Dokumentation im niederländischen Fernsehen, die davon handelte, dass die französische Bahn alle Holocaust-Opfer entschädigen wolle. Für Muller, der den Krieg nur überlebte, weil er sich versteckt hielt, der Stein des Anstoßes: Er setzte sich dafür ein, dass auch die niederländische Bahn Kompensationszahlungen leisten solle. Daraufhin wurde eine historische Kommission eingesetzt, die die Entschädigungszahlungen durch die niederländische Bahn regeln sollte. „Die Bahn hat in 75 Jahren nichts dafür getan, das Leid persönlich wiedergutzumachen. Das ist für mich inakzeptabel“, erklärte Muller bei der Vorstellung des Abschlussberichts. Mit den Ergebnissen ist er zu 80 Prozent zufrieden, sagt er. Gerne hätte er gesehen, dass die Zahlungen höher ausfielen. „Es geht aber um das Pflaster auf den Wunden, nicht um einen Geldbetrag“, fügte Muller hinzu.

Für viele Menschen aber kommt jede Wiedergutmachung zu spät. Das kritisiert Sabina Achterbergh in einem Beitrag des Rundfunks NOS. Die Niederländerin stammt aus einer Roma-Familie, die zum Großteil von den Nazis ermordet wurde. „Was mich enttäuscht, ist, dass meine Großtante keine Entschädigung erhalten wird“, sagt Achterbergh. „Ihr Bruder und Großvater wurden deportiert und ermordet, doch Geschwister und Enkelkinder bleiben unberücksichtigt.“ Aber: „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass durch unser Vorgehen auch Sinti und Roma in das Entschädigungsprogramm mitaufgenommen worden sind“, fügt Achterbergh hinzu.

Die Zahlungen sollen so einfach wie möglich vonstattengehen. Auf der Website der Kommission können ab dem 1. August Anträge auf Entschädigung gestellt werden. Wer zum Ausfüllen Hilfe benötigt, bekommt diese, versicherte der Kommissionsvorsitzende Cohen. Ab Ende 2019 sollen die Entschädigungszahlungen dann geleistet werden. Auch Opfer, die nicht mehr in den Niederlanden leben, sind berechtigt, einen Antrag zu stellen.

Neben dem Durchgangslager Westerbork befanden sich in den Niederlanden zwei weitere Lager in Vught und Amersfoort. Vernichtungs- und Konzentrationslager gab es jedoch keine in den Niederlanden. Die niederländische Bahn brachte Jüdinnen, Juden, Sinti und Roma entweder in ein Durchgangslager oder in KZ außer Landes. Rund 75 Prozent der niederländischen Jüdinnen und Juden überlebten die deutsche Besatzung nicht. Mit diesem Prozentsatz liegen die Niederlande im europäischen Vergleich extrem hoch. Entsprechende Zahlen für das Porajmos – dem Völkermord an den Sinti und Roma – liegen nicht vor.