LANDWIRTSCHAFT: Nachhaltigkeit kostet – Lebensmittelpreise sollen steigen

Den Haag, SF/NRC/NOS/Trouw/CBS/AH, 18. Juni 2019

Eine Portion Nasi Goreng aus der Tiefkühltruhe kosten bei Albert Heijn genau 1,35 Euro. Bei diesem Preis können Verbraucher Nachhaltigkeit wohl kaum erwarten. Das zumindest ist die Auffassung der niederländischen Agrar- und Ernährungsministerin Carola Schouten (ChristenUnie). Sie möchte perspektivisch die niederländische Landwirtschaft vollständig ökologisch gestalten. Das Ziel ist es, eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft im Agrarsektor zu etablieren. Ohne Preissteigerungen bei den Lebensmitteln werde dies aber nicht gehen, sagt die Ministerin. „Wir alle, Landwirte und Verbraucher, sind verantwortlich dafür, wie wir mit Lebensmitteln umgehen“, erklärt Schouten.

Umwelt- und Klimaschutz sind zurzeit nicht aus der Öffentlichkeit wegzudenken. Vor zwei Wochen verabschiedeten die Niederlande ein ambitioniertes Klimagesetz, das Ziele für eine ökologische Zukunft absteckt. Auch das Landwirtschaftsministerium beteiligt sich an der Klimastrategie des Kabinetts unter Premier Mark Rutte (VVD). In Zukunft soll die Landwirtschaft der Niederlande auf einem nachhaltigen Kreislauf basieren, der besonders ressourcensparend funktioniert sowie Boden, Wasser und Natur schont. Für Ministerin Schouten ist damit klar, dass die Landwirte nicht mehr „so viel wie möglich so billig wie möglich produzieren“ können. Nachhaltigkeit habe ihren Preis.

An dieser Stelle kommt wiederum der Verbraucher mit ins Spiel. „Wenn wir als Gesellschaft hohe Forderungen an die Produktion der Landwirte stellen, aber dann das günstigste Stück Fleisch kaufen, spielen wir die Verantwortung zurück an die Landwirte“, wird Schouten in der Tageszeitung Trouw zitiert. Soll bedeuten: Die Lebensmittelpreise werden steigen, wenn die Landwirtschaft ökologisch produziert. Das Timing dieser Ansage ist unterdessen ungünstig. Denn das niederländische Statistikamt CBS publizierte heute, dass die Lebensmittelpreise im Mai um fast 4 Prozent gestiegen sind – das ist die höchste Teuerung der letzten zehn Jahre. Besonders Fisch und Fleisch werden zunehmend teurer. Im Kern lässt sich der Preisanstieg mit der jüngsten Erhöhung des niedrigsten Mehrwertsteuertarifs von 6 auf 9 Prozent erklären. Für die Teuerung sind also nicht die Reformen im Landwirtschaftssektor verantwortlich.

Durchschnittlich 10 Prozent geben die Niederländer für Lebensmittel aus. Geht es nach Ministerin Schouten, soll sich dieser Anteil aber weiter steigern. Das wäre keine Besonderheit: In den Siebzigern gaben die Niederländer im Schnitt ganze 20 Prozent für Essen und Trinken aus. „Wenn Länder reich werden, geben sie verhältnismäßig weniger für Ernährung aus. Das ist überall auf der Welt so“, kommentiert Peter Hein van Mulligen, Chefstatistiker des CBS. „Die Leute essen nicht doppelt so viel, wenn sie doppelt so viel verdienen.“ Stattdessen steigen die Ausgaben für andere Produkte wie beispielsweise den eigenen Pkw oder Unterhaltungselektronik. Allerdings spielt auch die Produktivität der Landwirtschaft in die Lebensmittelausgaben mit ein. „In den letzten fünfzig Jahren ist die um 11 Prozent gestiegen“, erläutert Van Mulligen. Auch das sorgt dafür, dass weniger Geld für Lebensmittel ausgegeben werden muss.

Mit der Umstellung auf Kreislaufwirtschaft im Agrarsektor sagt Schouten der Lebensmittelverschwendung den Kampf an. Tiermist und Bioabfälle sollen langfristig Kunstdünger ersetzen; Insekten, Seegras und Bakterien sollen dem Futter das nötige Eiweiß liefern. Auch sollen die Landwirte mehr verdienen. All diese Reformen werden sich zwangsläufig im Lebensmittelpreis wiederspiegeln, so viel steht fest. Für einen Teil des Reformpakets muss die Landwirtschaftsministerin jedoch in Brüssel um Erlaubnis bitten, denn viele Stellschrauben, an denen es zu drehen gilt, liegen auf europäischer Ebene. In fünf Landesteilen sollen dann Landwirtschaftsbetriebe die Möglichkeit haben, mit neuen Regeln experimentieren zu dürfen, darunter auch in den deutschen Grenzgebieten Twente und dem Achterhoek.

Schouten steht hinter ihrem Plan: „Ein Ministerkollege fragte mich: Mensch, willst du das wirklich alles umsetzen?“ Doch die Opposition zeigt sich wenig beeindruckt von Schoutens ersten Schritt in Richtung einer „kompletten Umstellung“. Die Tierschutzpartei und GroenLinks kritisieren, dass in Schoutens Plan die Reduzierung des Viehbestands und des Stickstoffausstoßes nicht thematisiert werden. Ähnlich klingende Kritik ist auch von zahlreichen Natur- und Tierschutzorganisationen zu hören, darunter Greenpeace und der WWF: „Wir stehen hinter der Kreislaufwirtschaft, aber der langerwartete Umsetzungsplan ist viel zu mager“, heißt es in einer gemeinsamem Erklärung. „Eindeutige Ziele, ein Geschäftsmodell für Unternehmer, Einblick in Ergebnisse und ehrliche Überlegungen über das Reduzieren der Viehbestände fehlen.“

Doch auch auf die soziale Dimension der Reformvorschläge aus dem Agrarministerium wird aufmerksam gemacht. Das CBS weist etwa darauf hin, dass Haushalte mit geringem Einkommen bereits mehr für Ernährung ausgeben als andere Einkommensgruppen. Diese würden von einer Lebensmittelpreissteigerung weiter belastet. Gerrit Antonides, Professor für Vebraucherverhalten an der Universität Wageningen, übt ebenfalls Kritik an der möglichen Reform. Seiner Meinung nach wird aus der Preissteigerung kein Schuh: „Wer wenig verdient, kauft vor allem billiges und damit ungesunden Essen. Steigen die Preise, wird das nur schlimmer“, moniert Antonides. Menschen mit hohem Einkommen würden von der Preissteigerung fast nichts merken, prognostiziert Antonides. Sie gäben ohnehin schon viel Geld für nachhaltige Lebensmittel aus.