GESUNDHEIT: Patienten werden immer häufiger zu anderen Notaufnahmen geschickt

Den Haag, TA/NOS/NRC, 12. Juni 2019

In den Niederlanden werden immer häufiger Patienten und Krankenwagen zu anderen Krankenhäusern geschickt, um langen Wartezeiten in einer bestimmten Notaufnahme zu verhindern. Alleine in den Provinzen Noord-Holland und Flevoland sind im letzten Jahr im Durchschnitt 15 sogenannter Patientenstopps pro Tag verhängt worden. Bisher sind die Umwege zu anderen Krankenhäusern noch nicht für den Tod eines Patienten verantwortlich. Wenn sich hieran aber nichts ändern, fürchten Experten Konsequenzen.

Ein solcher „Stopp“ bedeutet, dass Krankenwagen und Rettungssanitäter ein bestimmtes Krankenhaus und dessen Notaufnahme meiden sollen, häufig für eine Dauer von zwei Stunden. Nur Patienten, die sich in direkter Lebensgefahr befinden – etwa durch Hirnblutung oder einem Herzinfarkt – werden dann noch in der betroffenen Notaufnahme aufgenommen. So lautet die Absprache.

Dieses Problem ist in Den Haag schon des längeren bekannt. Bereits vor vier Jahren schrieben Traumachirurgen und Ärzte, die in der Notaufnahme arbeiten, einen Brandbrief wegen den schon damals vorkommenden Patientenstopps. Edith Schippers, die damalige Ministerin für Volksgesundheit, gelobte daraufhin, das Problem ernst nehmen zu wollen. Auch Bruno Bruins, Minister für das Gesundheitswesen, wollte dieses Versprechen fortführen.

Die Realität offenbart jedoch ein anderes Bild, da das Problem nicht einfach durch eine Finanzspritze gelöst werden kann. „Es gibt sehr viele Faktoren, die für den Andrang in der Notaufnahme verantwortlich sind. Personalmangel ist das größte Problem. Wenn eine Station voll ist, bedeutet das vor allem, dass es keine Betten mit einem Pfleger mehr gibt“, so Michiel Gorzemann vom Onze Lieve Vrouwe Gasthuis-Krankenhaus in Amsterdam.   

Die Patientenstopps sind vor allem ein Problem der bevölkerungsreichen Randstad, allerdings sind sie auch in anderen Teilen der Niederlande, wie etwa in den östlicher gelegenen Provinzen Groningen und Drenthe, kein unbekanntes Problem. Dabei werden die Stopps nicht überall registriert, manchmal nur inkonsequent oder sogar gar nicht. Allerdings bestätigen alle zuständigen Stellen, dass der Druck auf die Notaufnahmen stetig zunehme. Die meisten Stopps registrierte die Stadt Amsterdam. Dort können sich Krankenhäuser am ehesten erlauben, eine Notaufnahme für eine gewisse Zeit zu schließen, da der Weg zum nächsten Krankenhaus vergleichsweise kurz ist.

Die Patientenstopps in einer Notaufnahme bedeuten aber auch gleichzeitig, dass der Druck und der Andrang in anderen Notaufnahmen zunehmen. Dadurch kann es auch vorkommen, dass ein Patient nicht in das Krankenhaus eingeliefert wird, in dem er zuvor bereits ausführlich behandelt wurde. Das kann  dazu führen, dass ein Patient zwar nicht in Lebensgefahr gerät, aber gleichzeitig auch nicht die bestmögliche medizinische Versorgung bekommt.

Vor allem ältere Patienten, die beispielsweise zuhause durch mantelzorg gepflegt werden, landen häufig in der Notaufnahme. Für die Pflege älterer Patienten ist in der Regel mehr Zeit nötig, da sie mehr Medikation benötigen und häufig an mehreren Gebrechen gleichzeitig leiden. Es kommt aber auch regelmäßig vor, dass ein Patient eigentlich zu gesund für die Notaufnahme ist, aber zu krank um nach Hause geschickt zu werden. Prabath Nanayakkara, Dozent für innere Notfallmedizin, kennt dieses Problem sehr gut. Im zufolge müssen Patienten manchmal bis zu 24 Stunden in der Notaufnahme warten, bis sie an andere Stationen weitergegeben werden können.

Verschiedene Krankenhäuser versuchen das Problem daher auf eigene Faust zu lösen. Das VUmc arbeitet beispielsweise mit einer Transferstation, auf die Patienten verlegt werden, bis eine geeignete Station gefunden werden konnte. Das Netwerk Acute Zorg Noordwest in den Provinzen Flevoland und Noord-Holland schult Eltern von jungen Kindern im Erkennen von Notfällen. Vor allem geht es um die Frage, wann tatsächlich ein Notfall vorliegt und wann nicht.

Allerdings lindern diese Projekte nur die akuten Symptome und helfen nicht gegen das Problem des Personalmangels. Vor allem in den Grippemonaten ist der Druck auf Notaufnahmen besonders hoch. Neben dem hohen Ansturm von Patienten fallen auch viele Ärzte und Pfleger aus, da sie selbst erkrankt sind. Gleichzeitig herrscht in den meisten Krankenhäusern selbst ohne ausfallende Mitarbeiter schon ein Personalmangel.