BILDUNG: Ausländische Studierende fühlen sich zunehmend unwohl in den Niederlanden

Amsterdam, SF/Trouw, 11. Juni 2019

No internationals!“ – Wer in den Niederlanden auf Zimmersuche geht, liest diesen Satz häufig, teilweise sogar in Großbuchstaben. Die Aussage zielt auf ausländische Studierende ab, die für viele WGs in den Niederlanden kategorisch nicht in Frage kommen. Dass ausländische Studierende in den Niederlanden wenig willkommen sind, zählte bislang eher zu den gefühlten Wahrheiten. Doch nun sorgt eine neue Umfrage für Schlagzeilen: Diese bestätigt, dass sich ausländische Studierende mehrheitlich nicht wohl in den Niederlanden fühlen. Mehr als drei Viertel vermissen demnach den Kontakt zu niederländischen Altersgenossen. Das führt dazu, dass sie nach ihrem Abschluss oft zeitnah das Land wieder verlassen. Die Umfrage wurde von den drei größten Studierendenvereinigungen der Niederlande durchgeführt.

Studierende aus dem Ausland leben in den Niederlanden oftmals isoliert. Das zeigt die Umfrage, die das Eramusnetzwerk, die niederländische Studierendengewerkschaft sowie der nationale Studierendenorganisation ISO gemeinsam durchführten. 1.002 ausländische Studierende aller Fachrichtungen nahmen an der Umfrage teil. Damit stieg die Teilnahme an der Umfrage deutlich im Vergleich zum Vorjahr, als die erste Befragung durchgeführt wurde. Drei Viertel der ausländischen Studierenden fühlen sich demnach ausgeschlossen, aber wünschen sich Kontakt zu ihren niederländischen Kommilitonen. Ebenso viele beklagen Probleme auf dem Wohnungsmarkt. Ein Drittel gab an, schon einmal aufgrund ihrer Herkunft bei der Zimmersuche abgelehnt worden zu sein. 44 Prozent der Studierenden aus dem Ausland sehen sich darüber hinaus mit viel Stress konfrontiert.

11,5 Prozent aller Studierenden in den Niederlanden kommen aus dem Ausland, Tendenz steigend. Aus diesem Grund ist die zunehmende Unzufriedenheit besorgniserregend. „Studierende aus dem Ausland werden aktiv angeworben. Aber wenn sie in den Niederlanden sind, finden sie kein bezahlbares Zimmer, keinen Niederländisch-Kurs und keinen Kontakt zu niederländischen Kommilitonen“, kritisiert Carline van Breugel von der Studierendengewerkschaft. So geben 37 Prozent der Befragten an, unzufrieden oder sogar sehr unzufrieden über die Möglichkeiten zu sein, an der Hochschule Niederländisch zu lernen.

Obwohl die Niederlande zu den Lieblingsstudienorten in den Industrienationen zählt, ist sogenannte stay rate – also die Anzahl an ausländischen Studierenden, die auch nach ihrem Abschluss in den Niederlanden bleiben – vergleichsweise gering. 61 Prozent der Masterstudierenden sind 2017 nach ihrem Abschluss aus den Niederlanden weggezogen. In Zeiten des Fachkräftemangels aber ist die Zufuhr von gut ausgebildeten Arbeitskräften wichtig für die niederländische Wirtschaft. Konkreten Handlungsbedarf sehen die Studierendenorganisationen deshalb direkt bei den Universitäten. Kostenlose Niederländisch-Kurse oder Arbeitsgruppen mit Ausländern sollten etwa zur Selbstverständlichkeit werden.

Die Universitäten bemühen sich bereits. Viele Hochschulen fördern die Internationalisierung ihrer Studiengänge als Qualitätsmerkmal. Des Weiteren gibt es vereinzelt schon Förderprogramme im Wohnungsbau. In Amsterdam verfügt die Universität beispielsweise über ein Kontingent von 2.600 Zimmern für ausländische Studierende. In Almere werden für das kommende Studienjahr 3.000 Wohnungen neu gebaut.

Des Weiteren spielen auch viele individuelle Faktoren in die Unzufriedenheit mit rein. Studierende tun sich oft mit Kommilitonen aus demselben Herkunftsland zusammen und weniger mit Niederländern. Auch fördert die Teilnahme an Sport- und Freizeitangeboten den Kontakt zu Gleichaltrigen aus den Niederlanden. Dennoch: Diskriminierung – sei es bei der Zimmersuche, im Hörsaal oder auf der Suche nach einem Nebenjob – lässt sich kaum widerlegen. In diesen Punkten haben die Niederlande zweifelsohne Nachbesserungsbedarf.