GESELLSCHAFT: Tod von Noa Pothoven (17) geht um die Welt

Arnheim, SF/DG/DN/NOS, 06. Juni 2019

Sie aß nicht mehr. Sie trank nicht mehr. Jetzt ist die 17-jährige Noa Pothoven aus Arnheim tot. Nachdem sie als Kind sexueller Gewalt ausgesetzt war, verlor Pothoven die Lust am Leben. Ihr Tod machte weltweit Schlagzeilen. Jedoch mit Falschmeldungen: Medien in Deutschland, den USA, Indien oder auch Australien meldeten, dass Pothoven Sterbehilfe in Anspruch nahm. Auch Papst Franziskus verbreitete diese Unwahrheit. Die Familie allerdings widersprach: Noa Pothoven beendete ihr Leben durch Sterbefasten. Ihr Tod entfacht eine neue Debatte über Selbsttötung und die Behandlung psychisch kranker Jugendlicher in den Niederlanden.

Als Noa Pothoven 11 Jahre alt war, begann das Martyrium, das sie zeit ihres Lebens nicht mehr losließ. Auf einem Schulfest wurde das Mädchen sexuell missbraucht. Zwei Jahre später wiederholte sich der Missbrauch auf einer anderen Feier. Anschließend wurden sie von zwei Männern vergewaltigt. Da war sie erst 14 Jahre alt. Aus Scham, aber auch aus Angst hielt Pothoven ihre Gewalterfahrungen verborgen, auch vor ihren Eltern. Sie entwickelte Depressionen, Magersucht, Persönlichkeits- und Zwangsstörungen. Auch zeigte sie selbstverletzendes Verhalten. Sie wurde in Traumatherapien behandelt und regelmäßig in Krankenhäusern und Spezialkliniken aufgenommen. Doch nichts half. Pothoven hatte jede Lebenslust verloren.

Freude bereitete ihr das Schreiben. Zunächst schrieb Pothoven ein Tagebuch über die Erlebnisse, die sexuelle Gewalt und die psychische Erkrankung, ihr Leben bestimmten. Sie traute sich, das Manuskript ihren Therapeuten zu zeigen. Diese ermutigten Pothoven zum Weiterschreiben. Schließlich veröffentlichte sie mit 16 ihre Autobiografie Gewinnen oder Lernen (niederländisch Winnen of Leren). Darin verarbeitete Pothoven alle körperlichen und seelischen Schmerzen, die sie erlitten hatte und unter denen sie litt. Ein Inhalt, der für viele Leser schwer zu ertragen ist. Und doch: Mit ihrem ehrlichen und schonungslosen Buch gewinnt Pothoven zwei hochdotierte Preise.

Schon bei der Preisverleihung im März dieses Jahres war bekannt, dass Pothoven 2018 eine Sterbehilfeklinik in Den Haag kontaktiert hatte – ohne Wissen ihrer Eltern. Doch die Levenseindkliniek lehnte Pothoven ab. In einer Stellungnahme gegenüber der Nachrichtenwebsite DutchNews gibt die Pressesprecherin der Klinik, Elke Swart, zu bedenken, dass Sterbehilfe für Jugendliche eine andere Angelegenheit sei als für 60-jährige: „Es gibt nur sehr wenige Jugendliche, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Noch seltener sind die Fälle, in denen dies aufgrund psychischer Krankheiten geschieht.“ Die Levenseindkliniek berücksichtige das niederländische Sterbehilfegesetz, fügt Swart hinzu. Demnach darf legale Sterbehilfe nur in Anspruch genommen werden, wenn unerträgliches Leiden vorliegt und es keine Alternative gibt. Bei der Sterbehilfe wird dem Patienten ein tödliches Medikament verabreicht.

Pothoven aber suchte nach Alternativen. Auf ihrem Instagram-Account kündigte sie letzte Woche an, dass sie in wenigen Tagen sterben werde: „Nach vielen Gesprächen und Beurteilungen ist die Entscheidung gefallen, dass ich losgelassen werde, weil mein Leid unerträglich ist. Es ist vorbei. Ich lebe schon so lange nicht mehr wirklich, ich überlebe, ich atme, aber ich lebe nicht mehr“, war auf dem inzwischen gelöschten Post zu lesen. Pothoven verweigerte infolgedessen die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Das sogenannte Sterbefasten wurde von einem medizinischen Team begleitet. Sie starb zuhause und verabschiedete sich vor ihrem Tod von Angehörigen und Freunden.

Auf allen Kontinenten berichteten Nachrichtensender und Zeitungen über das Sterben der 17-jährigen Niederländerin. Ob in Fox News, Daily Mail oder Russia Today: Die Meldung vom Tod Pothovens verbreitete sich auf der ganzen Welt. Allerdings handelte es sich mehrheitlich um Falschmeldungen. So titelte etwa der deutsche Nachrichtensender ntv über eine mittlerweile gelöschte Meldung: „Teenager nimmt Sterbehilfe in Anspruch“. Auch Papst Franziskus beteiligte sich an der Verbreitung der Falschmeldung. Auf seinem Twitter-Account schreibt er: „Sterbehilfe und begleiteter Suizid sind eine Niederlage für uns alle. Wir sind dazu aufgerufen, niemals diejenigen, die leiden, im Stich zu lassen. Niemals aufzugeben, sondern uns einzusetzen und zu lieben, damit Hoffnung wächst.“ Der Tweet ist noch immer zu lesen und wurde inzwischen tausende Male geteilt und geliket.

Journalistin Naomi O’Leary hat dafür kein Verständnis. Die Redakteurin für das US-Magazin Politico rügt ihre Kollegen öffentlich auf Twitter. Es würde keine zehn Minuten dauern, die Wahrheit zu erfahren, kritisiert O’Leary. Zudem prangert sie an, dass die Falschmeldung Pothovens Eltern in ein falsches Licht rücken würden. „Falschmeldungen machen sie zur Zielscheibe schrecklicher Beschimpfungen. So etwas darf nicht passieren“, schreibt O’Leary auf ihrem Twitter-Account. In einer eigenen Pressemitteilung richtet sich die Familie insbesondere an die ausländische Presse. Darin stellen die Eltern klar, dass Pothoven nicht durch Sterbehilfe gestorben sei. Zudem wünsche sie sich Respekt vor ihrer Privatsphäre. Journalistenteams unter anderem aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Italien und auch Deutschland hatten sich in Arnheim auf die Suche nach den Eltern gemacht.

Der Tod Pothovens erreicht indes eine politische Dimension. In ihrem Buch klagt sie die niederländische Jugendhilfe an. So gäbe es keinerlei Einrichtungen in den Niederlanden für Jugendliche, die wie Pothoven unter massiven psychischen Problemen litten. Pothoven selbst stand auf etlichen Wartelisten für psychiatrische Behandlungen. Die Bürokratie bezeichnete sie in ihrem Buch als „zum Verrücktwerden.“ Auch Therapiemethoden wie das Einschließen in Isolationszellen empfand sie als traumatisierend. Die GroenLinks-Politikerin Lisa Westerveld stand im engen Kontakt zu Pothoven und nahm auch am Sterbebett Abschied von der jungen Frau. Seitdem sie in der Regionalzeitung De Gelderlander von Pothovens Schicksal erfahren hatte, setzt sie sich in der Zweiten Kammer für eine Verbesserung in der Jugendhilfe ein.