GESELLSCHAFT: Ungleichheit in den Niederlanden nimmt ab

Den Haag, SF/CBS/NRC, 09. Mai 2019

2013 veröffentlichte der Franzose Thomas Piketty einen vielbeachteten Bestseller: Das Kapital im 21. Jahrhundert. In seinem Buch beschäftigt sich der Ökonom mit den Ursachen und den Auswirkungen des Phänomens Ungleichheit. Durch Pikettys Studie erlangte das Thema größeres Interesse in der Öffentlichkeit, so auch in den Niederlanden. Das niederländische Statistikamt CBS hat nun einen neuen Bericht über die Vermögens- und Einkommensungleichheit in den Niederlanden veröffentlicht. Der Befund ist zunächst zufriedenstellend: Die Reichen werden reicher, die Armen aber auch. Ein genauerer Blick in die Publikation verrät aber, dass es so einfach doch nicht ist.

Wie lässt sich Ungleichheit messen? Diese Frage beschäftigt die Volkswirtschaftslehre. Unterschieden wird allgemein zwischen Ungleichheit der Einkommen und des Vermögens. Während die Einkommen durch die Steuerabgaben relativ transparent zugänglich sind, müssen Vermögen auf andere Weise gemessen werden. So werden Vermögen statistisch anhand des Besitzes an Immobilien und Aktien wiedergegeben. In den Niederlanden zeigt sich, dass die Einkommensungleichheit zwischen 2011 und 2017 nahezu stagnierte. Sie fällt allerdings bedeutend geringer aus als die Vermögensungleichheit. Diese stieg bis zum Jahr 2015 und nimmt seitdem stetig ab.

Grund für die Veränderung in der Vermögensgleichheit ist der Immobilienmarkt. Bis 2014 lagen die Immobilienpreise im Zuge der Wirtschaftskrise relativ niedrig. Die fallenden Preise erwiesen sich für all diejenigen, die ihre Häuser und Wohnungen über Hypotheken finanziert haben, als nachteilig. Denn die Hypothek bleibt konstant, auch wenn der Immobilienwert abnimmt. Reiche, die auch andere Vermögenswerte besitzen, waren zudem im geringeren Maße von der Immobilienkrise betroffen. Ab 2015 wendete sich jedoch das Blatt, als sich die Krise dem Ende zuneigte und die Immobilienpreise wieder anstiegen.

Doch obwohl dieser Positivtrend zu begrüßen ist, zeigen sich immense regionale Unterschiede in der Vermögensungleichheit in den Niederlanden. In Großstädten wie Amsterdam, Rotterdam oder Groningen wohnen überproportional viele Studierende, Migranten und Sozialhilfe-Empfangende, die keine oder nur sehr geringe Vermögenswerte besitzen. Auf dem Lande sind dagegen die Vermögen gleichmäßiger verteilt, weil dort die Bewohner oft ihr gesamtes Leben verbringen und dadurch leichter ein Vermögen aufbauen können. Besonders drastisch gestaltet sich die Vermögensungleichheit der Niederlande im internationalen Vergleich. So weisen Zahlen der OECD aus, dass die Niederlande auf Platz 1 in Europa in Sachen Vermögensungleichheit steht. Mehr noch: Weltweit liegt das Land auf dem zweiten Platz – hinter den USA.

In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 10 Prozent der reichsten Haushalte besitzen 64 Prozent aller Vermögenswerte in den Niederlanden. Nominal entspricht dieser Wert einer Summe von über 800 Milliarden Euro. Die ärmsten 10 Prozent stehen indessen vor einem Schuldenberg von 51 Milliarden Euro. Das Durchschnittsvermögen liegt im Übrigen bei 163.800 Euro pro Haushalt. Auch wenn nun die Vermögensungleichheit abnimmt, bleibt die ungleiche Verteilung des Reichtums in den Niederlanden weiterhin bestehen.

Betrachtet man die Einkommensungleichheit, zeichnet sich ein ähnliches, gleichwohl weniger drastisches Bild. Im Schnitt verfügen die Niederländer über ein verfügbares Nettohaushaltseinkommen von 28.800 Euro. In den Städten, in denen die Bewohner traditionell ein besonders hohes verfügbares Einkommen beziehen, und auch in den Studierendenstädten liegt die Einkommensungleich höher als im Rest der Niederlande. Gerade in ländlichen Regionen, in denen mehr ältere Menschen beheimatet sind, sind die Einkommensunterschiede dagegen weniger gravierend. Meist liegen dort aber die Einkommen unterdurchschnittlich niedrig.