POLITIK: Missbrauchsskandal bei ProDemos schlägt hohe Wellen

Den Haag, SF/NOS/NRC/VK/ProDemos, 02. Mai 2019

„ProDemos – Haus der Demokratie und des Rechtstaats“: So bezeichnet sich die niederländische Organisation, die aktuell wegen eines Missbrauchsskandals in der Kritik steht. Wie ein Investigativteam der Rundfunkanstalt NOS aufdeckte, steht ein Vorgesetzter im Mittelpunkt der Affäre. Er soll mehrere Mitarbeiter zum Sex gezwungen haben. Bei den Opfern des Missbrauchs handelt es sich ausschließlich um junge Männer. Die Abgeordneten der Zweiten Kammer reagierten schockiert auf den #MeToo-Skandal bei ProDemos. Die Parlamentsvorsitzende Khadija Arib (PvdA) leitete nach einer Debatte die Aufnahme einer externen Ermittlung im Missbrauchsfall ein.

ProDemos ist eine Bildungseinrichtung, die mit der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung zu vergleichen ist. So erstellt ProDemos Lehrmaterial für Sozialkundelehrer und veröffentlicht Publikationen über die niederländische Politik, Geschichte und Gesellschaft. Des Weiteren organisiert ProDemos Führungen durch die Zweite Kammer und den Binnenhof in Den Haag. Gegründet wurde die 2010, als sich führende Politiker besorgt über den Zustand der niederländischen Demokratie zeigten. Erste Überlegungen, ein „Haus der Demokratie und des Rechtsstaats“ zu gründen, kamen bereits 2002 nach dem Mord an Pim Fortuyn auf. Pro Jahr erhält ProDemos 2 bis 4,4 Millionen Euro an Subventionen des niederländischen Staates. Bekannt ist ProDemos vor allem für die Erstellung der niederländischen Variante des Wahl-o-Mat, dem StemWijzer.

Dass ausgerechnet eine Institution, die für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsteht, in einen sexuellen Missbrauchsskandal verwickelt ist, entsetzt die Niederlande. Die genaue Anzahl der Missbrauchsopfer ist nicht bekannt, es muss sich aber um mindestens sechs junge Männer handeln, die von ihrem Vorgesetzten wider Willen zu sexuellen Handlungen gezwungen wurden. Die Opfer standen am Beginn ihres Berufslebens und hatten oft ihre erste Stelle nach dem Universitätsabschluss angetreten. Wie bisher bekannt ist, soll der mutmaßliche Täter eine Kultur am Arbeitsplatz etabliert haben, in der „Kollegen alles übereinander sagen sollten und das auch taten, selbst wenn es um sexuelle Vorlieben, Glaube und politische Überzeugungen ging.“

Besonders pikant: Bereits 2015 sollen bei der ProDemos-Leistung erste Beschwerden über den besagten Mitarbeiter eingegangen sein. Schon zu diesem Zeitpunkt soll es zwar um sexuelle Übergriffe gegangen sein, aber in erster Linie stand der Vorwurf des Mobbings im Vordergrund. Die internen Quellen des NOS kritisieren, dass ProDemos den Beschwerden nicht nachgegangen sei: Man habe versucht, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren, lautet die Kritik. ProDemos-Chef Eddy Habben Jansen äußert sich in der Tageszeitung de Volkskrant anders über den Vorfall: Als er im Februar von den Vorfällen erfuhr, habe er sofort gehandelt und den Vorgesetzten entlassen. „Binnen einer Stunde hatte ich das Telefon und die Schlüssel des Mitarbeiters und er befand sich auf dem Weg nach Hause“, so Habben Jansen. Fakt ist, dass der Täter nicht mehr bei ProDemos arbeitet.

Die Sexologin Liesbeth Stam bewertet den Skandal als „Standardbeispiel für sexuellen Missbrauch“: „Es ist die Rede von jungen Männern, die abhängig von jemanden sind, der Aufgaben verteilt. Dabei hat er die Macht, die gewünschten Aufgaben, die auch mehr Geld einbringen, zuzuweisen oder auch nicht. Die Zuteilung hängt von bereitwilligem Verhalten ab, während bei Protest auch Sanktionen möglich sind.“ Tatsächlich befand sich der Täter in der Situation, über Arbeitsverträge und Aufgaben maßgeblich zu entscheiden. Folglich sahen sich die Opfer gezwungen, auf die sexuellen Angebote einzugehen. Laut Stam sei es nun notwendig, wieder ein sicheres Klima am Arbeitsplatz herzustellen.

Bislang hat noch kein Opfer Anzeige erstattet. Sie schämen sich, bei der Polizei zuzugeben, dass sie auf die Annäherungsversuche eingegangen sind. Oft empfinden sie auch Schuldgefühle, da sie ein Ausbeutungssystem aufrechterhalten hätten. Die Opfer blicken daher beunruhigt in die Zukunft: Sie befürchten, dass der sexuelle Missbrauch Folgen für ihre weitere Karriere haben wird, da sie als naiv oder leicht zu beeinflussen abgestempelt werden könnten. Aus diesem Grund werden die Namen der Opfer öffentlich nicht genannt. Ihre Angst ist auch, dass der Täter wieder einer Beschäftigung nachgehen könnte, in der er wiederum seine Macht ausnutzen und junge Männer zum Sex zwingen könnte. ProDemos hat bereits in der einer Pressemitteilung Bereitschaft zur Aufklärungsarbeit signalisiert. Den Opfern hat ProDemos zudem Unterstützung zugesichert. Die Sache wolle man ernst behandeln und genießt höchste Priorität, heißt es.

Nun wird es eine externe Aufklärung der Vorfälle geben. Das hat die Parlamentsvorsitzende Ariba in Auftrag gegeben. Die zuständige Innenministerin Kajsa Ollongren (D66) möchte die Affäre mit Ernst und Respekt behandeln und sich erst äußern, wenn die Ermittlungsergebnisse vorliegen. In der Debatte in der Zweiten Kammer herrschte Konsens darüber, dass die ProDemos-Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz brauchen. Die linke SP fordert jedoch schon erste Maßnahmen: Die Zweite Kammer solle künftig die Führungen auf dem Binnenhof selbst organisieren. „Wir können ProDemos nicht einsehen, sie sind dafür nicht geeignet“, sagte der SP-Politiker Ronald van Raak. Die Mehrheit im Parlament will jedoch abwarten und nicht überstürzt handeln. Dass Aufklärungsarbeit nötig ist, darüber sind sich wiederum alle einig.