GESELLSCHAFT: Benefizwanderung Westerbork-Groningen nach Drohungen abgesagt

Amsterdam, TA/NRC/NOS  30. April 2019

Die umstrittene nächtliche Benefizwanderung vom ehemaligen Durchgangslager Westerbork nach Groningen ist nach anhaltenden Drohungen abgesagt worden. Durch die einmalige, neue Wanderstrecke sollte der Errichtung des Durchgangslagers Westerbork vor 80 Jahren erinnert werden. Nach Drohungen aus der jüdischen Gemeinde und von Flüchtlingsgegnern haben sich die Veranstalter jedoch gegen die Durchführung ihres Plans entschieden.

Die Wanderroute Westerbork-Groningen sollte eine von fünf Wanderrouten sein, die von der Stichting Vluchtelingen zur Nacht van de Vluchteling am 15. Juni dieses Jahres organisiert wurde. 400 bis 450 Läufer hatten sich bereits für die 40 Kilometer lange Strecke angemeldet. Sie wurden von den Veranstaltern gebeten, andere Startpunkte für die seit 2010 jährlich stattfindenden Benefizläufe zu wählen. Sie können sich zwischen Amsterdam, Utrecht, Nimwegen und Rotterdam entscheiden, wo die Wanderungen wie geplant stattfinden werden. Im vorigen Jahr nahmen 5.200 Personen an den Wanderungen teil und sammelten einen Betrag von 1.6 Millionen Euro.  Mit dem gesammelten Geld unterstützt die Stiftung, die ihre Wurzeln in einer Widerstandgruppe aus dem Zweiten Weltkrieg hat, Flüchtlingsprojekte auf der ganzen Welt.

Die einmalige, neue Wanderroute von Westerbork aus stand seit ihrer Verkündung scharf in der Kritik. Thierry Baudet vom Forum voor Democratie nannte die Wahl dieses Startpunktes „skandalös“ und auch der Centraal Joods Overleg, der Dachverband jüdischer Organisationen in den Niederlanden, nannte die Wahl von Westerbork „unvernünftig“. Westerbork sei so eng mit der Geschichte des Holocausts verknüpft, dass durch diese Wahl das im Durchgangslager angerichtete Leid mit anderem Leid verglichen werde. Esther Voet, Redakteur der Zeitung  Nieuw Israëlietisch Weekblad nannte diesen Plan „lächerlich“, da viele Flüchtlinge heutzutage mit offenen Armen empfangen würden, während Juden in den 40-er Jahren vergast und ermordet wurden. Laut Eddo Verdoner, dem Vorsitzenden des Centraal Joods Overleg, dürfe die Geschichte des Holocausts nicht für andere Zwecke benutzt werden.

Das Durchgangslager Westerbork wurde 1939 für deutsche und österreichische Juden erbaut, die in die Niederlande flohen. Ursprünglich sollten die jüdischen Flüchtlinge hier aufgefangen werden. Nach der Besetzung durch die Nationalsozialisten wurde Westerbork zum Durchgangslager für den Abtransport der Juden in den Osten, beispielsweise nach Auschwitz und Sobibor, umfunktioniert. Ein Großteil der abtransportierten und ermordeten niederländischen Juden, darunter auch Anne Frank, waren also für eine gewisse Zeit Insassen in Westerbork. Da sich die Errichtung des Lagers in diesem Jahr zum 80. Mal jährt, kam bei den Veranstaltern der Nacht van de Vluchteling die Idee auf, einen der Benefizläufe einmalig hier starten zu lassen.

Übe die genaue Art der Drohungen ist nichts bekannt. Mulder, der Direktor des Gedächtniszentrums Lager Westerbork, erklärte dem NRC Handelsblad telefonisch, dass die rund zehn Drohungen jedoch eine Kehrwende für die Pläne der Stichting Vluchteling waren. Mulder selbst sei als Nazi und Holocaustleugner bezeichnet worden und es wurde angedroht, entlang der Wanderstrecke zu randalieren. Dabei kämen die Drohungen sowohl aus der jüdischen Gemeinschaft als auch von Flüchtlingsgegnern.

365 Tage lang stehe der Holocaust laut Mulder  im Gedächtniszentrum Westerbork im Mittelpunkt, aber manchmal wolle man die Aufmerksamkeit auch auf andere Funktionen lenken, die das Lager im Laufe der Zeit hatte. Nun sei die geplante Wanderroute jedoch zur Sicherheit der Teilnehmer und Helfer abgesagt worden.