GESELLSCHAFT:  Ein Viertel der Niederländer bekommt zu wenig Geld für Pflege

Amsterdam, TA/NRC/ 03. April 2019

Ebenso wie in Deutschland wird das Thema Pflege im Alter auch in den Niederlanden kontrovers diskutiert. Viele Niederländer beziehen ein sogenanntes Personengebundenes Budget (niederländisch „persoongebonden budget“ oder kurz „pgb“). Mit diesem Geld sollen sich die pflegebedürftigen Empfänger selbst um ihre Pflege kümmern, sprich: Pflegekräfte für ihre Dienste bezahlen. Allerdings können rund ein Viertel der Niederländer, die ein solches Budget beziehen, von dem ihnen zur Verfügung gestellten Betrag in der Realität keine Pflege- oder Hilfskräfte bezahlen.

Das ist zumindest das Resultat einer Umfrage der beiden Interessengruppen MantelzorgNL und Per Saldo, die an rund 1.865 pgb-Empfänger geschickt wurde. Betroffen sind vor allem Niederländer, die maatschappelijke ondersteuning (deutsch wortwörtlich „gesellschaftliche Unterstützung“) für Haushaltshilfen, Rollstühle oder Tagespflege beantragen. Sie sind von besonders niedrigen Tarifen betroffen. Da sie Pflegekräfte jedoch mit dem ihnen zur Verfügung gestellten Betrag selbst bezahlen müssen, bleibt ihnen häufig nichts anderes übrig, als die Differenz mit ersparten Geldreserven auszugleichen. In Den Haag beläuft sich der Betrag für vier Wochen intensiver Betreuung beispielsweise auf 920 Euro. Das führt häufig zu einem Stundenlohn, für den niemand arbeiten möchte. Aline Molenaar von Per Saldo bemerkt, dass „die Höhe der Tarife ein immer wiederkehrender Grund zur Besorgnis ist“.

Eine Lösung für pflegebedürftige Personen ist das Engagieren von Verwandten und Familienangehörigen um die Pflege von Bedürftigen sicherzustellen. Dieses System ist in den Niederlanden als mantelzorg bekannt und beschreibt die freiwillige Betreuung von Pflegebedürftigen durch Personen, die ihnen privat nahe stehen. Neben Familienangehörigen kommen dafür also auch Freunde oder Nachbarn in Betracht. Zwischen dem Pflegenden und dem Pflegebedürftigen kann in diesen Fällen ein Pflegevertrag abgeschlossen werden, sodass die pflegende Person den Mindestlohn ausgezahlt bekommen. Rund 25 Prozent der 16- bis 69-jährigen kombiniert in den Niederlanden eine Stelle von mindestens 12 Wochenstunden mit der Pflege von Angehörigen oder Freunden. 400.000 Niederländen verbringen sogar 52 Stunden in der Woche mit Arbeit und Pflege. Durchschnittlich arbeiten sie 31 Stunden und verbringen noch zusätzlich 21 Stunden mit der Pflege von Freunden oder Verwandten. Dabei beginnt mantelzorg häufig im Kleinen und wird dann allmählich arbeitsintensiver. Ungefähr zehn Prozent der mantelzorgers, also der Personen die freiwillig eine pflegebedürftige Person betreuen, fühlen sich laut dem Sociaal en Cultureel Planbureau (deutsch „Soziale und kulturelle Planungsbehörde“) und dem Planbureau voor de Leefomgeving (deutsch „Planungsbüro für die Umwelt“) überlastet. Es wird außerdem erwartet, dass diese Zahl noch ansteigen wird. Momentan gibt es in den Niederlanden noch 15 potentielle mantelzorgers für jede ältere Person. 2040 aber, so wird prophezeit, wird diese Zahl auf lediglich 6 pro Person gefallen sein.  

Ab dem ersten März gibt es in den Niederlanden noch eine weiteres finanzielles System für die Pflege durch Verwandte:  Es kann eine sogenannte symbolisch lage vergoeding (deutsch „symbolisch niedrige Vergütung“) beantragt werden. Diese beläuft sich auf 141 Euro im Monat – eine noch niedrigere Vergütung als der Mindestlohn. Welche Bedingungen und Kriterien für diese symbolisch lage vergoeding gelten, steht jedoch noch nicht fest.