MOBILITÄT: Abschlussdeich wird umgebaut

Den Oever/Zurich, SF/NOS/VK/Omrop Fryslân/Leeuwaarder Courant, 1. April 2019

„Das ist bestimmt ein Aprilscherz“, das dachte sich Wim Bot vom niederländischen Fahrradbund, als er erfuhr, dass ab heute die Umbau-Arbeiten auf dem Abschlussdeich beginnen. Für Radfahrer wird es drei Jahre lang nicht mehr möglich sein, den 30 Kilometer langen Deich zwischen dem nordniederländischen Den Oever und dem friesischen Dorf Zurich zu befahren. Stattdessen werden Shuttle-Busse angeboten, die die Radfahrer ans Ziel bringen sollen. Allerdings: Im Zuge des 921-Millionen-Euro-Projekts werden neue Fahrrad- und Fußgängerwege am Abschlussdeich angelegt. Der Grund für die Sanierungsarbeiten ist der ansteigende Meeresspiegel, der sich durch den Klimawandel bemerkbar macht.

Seit 1932 beschützt der Abschlussdeich das niederländische Festland vor den Wassermassen der Nordsee. Doch dieser Schutz wird durch die Klimakrise gefährdet: Steigt der Meeresspiegel an, muss auch der Abschlussdeich erhöht werden, um weiterhin Hochwasserschutz zu gewährleisten. Dazu werden rund 75.000 Betonblöcke verbaut, die wie Legosteine ineinander gesteckt werden. Auf diese Weise werden die neuen, strengeren Deltanormen erfüllt. Zudem werden die Schleusen verbessert und die Autobahn A7 verbreitet, die sich auf dem Deich befindet. Bis 2022 sollen diese Bauarbeiten im Auftrag der Wasserbehörde Rijkswaterstaat ausgeführt werden. Mehreren Hundert Menschen wird durch das Bauvorhaben Arbeit geboten. Am nördlichen Ende Nordhollands, wo die Arbeitslosigkeit höher als im Durchschnitt liegt, ist man über die Arbeitsplätze erfreut. Im Hafen von Den Oever wird sogar extra ein Hotelboot anlegen, in dem das Personal wohnen kann.

Dennoch: Für zahlreiche Anwohner ist das dreijährige Radfahrverbot ein Dorn im Auge. Viele Niederländer, die in der Nähe des Abschlussdeichs wohnen, fahren hobbymäßig mit dem Rad eine Runde um das IJsselmeer. Auch wird der Fahrradweg zum Pendeln genutzt, da er den schnellsten Weg von Friesland nach Holland bietet. Gewerbetreibende sind von den Bauarbeiten ebenfalls nicht begeistert: Sie fürchten, dass weniger Touristen in die Region kommen werden. Der Abschlussdeich ist nämlich auch eine Attraktion für Reisende aus dem Ausland. So werden organisierte Fahrradfahrten auf dem Deich angeboten, die vor allem bei Touristen aus China beliebt sind. Fallen diese Angebote aus, kann das die kleinen Hotelbesitzer schmerzhaft treffen, so die Befürchtung. Die Fahrradfahrer fordern deshalb einen Kompromiss: Mit einer Onlinepetition wollen sie erreichen, dass Ausnahmen für Feiertage wie Pfingsten erteilt werden dürfen. Schon rund 7.000 Unterschriften konnten die Fahrradaktivisten für ihr Begehren sammeln.

Die Umbauarbeiten sind trotz allen Ärgers notwendig, davon ist Cora van Nieuwenhuizen, die niederländische Ministerin für Verkehr und Wasserwirtschaft, überzeugt. Die VVD-Politikerin gab am Morgen des 1. Aprils den Startschuss für das großflächige Bauprojekt. 90 Prozent des Abschlussdeichs müssen umgebaut werden, damit das angestaute Wasser im IJsselmeer im Handumdrehen herausgeschleust werden kann, wann immer das nötig ist. Um dem Anstieg des Meeresspiegels gerecht zu werden, wird der Abschlussdeich darüber hinaus um 2 Meter erhöht.

Neben den technischen Umbau-Arbeiten soll auch die Natur vom neuen Abschlussdeich profitieren. In den Deich wird ein vier Kilometer langer Fluss für Fischmigration integriert. Er ist die einzige permanente Öffnung im Deich. Von dem Fluss sollen vor allem Wanderfische wie Lachse, Aale oder Forellen profitieren. Ziel des Ganzen ist es, wieder mehr Fische im IJsselmeer anzusiedeln, doch die Fischer beäugen das Vorhaben mit Skepsis. Ihnen zufolge wäre es kostengünstiger und effektiver gewesen, Gräben anzulegen, durch die beispielsweise Aale ohnehin sehr gerne schwimmen. Doch die Fischerbetriebe, die bei der Planung des Wanderfischflusses beteiligt waren, konnten sich in den Verhandlungen nicht durchsetzen. Sie sind nicht gegen Artenschutz, sondern dagegen, dass sie in ihrer Arbeit als Fischer behindert werden. So ist unter anderem ein Verbot geplant, dass den Fischern untersagt, auf den bedrohten Stint zu fischen. Naturschutz sei wichtig, sagen die Fischer, doch man dürfe auch den Respekt vor der Kultur der Fischerei nicht verlieren.