Nachrichten Januar 2018


WIRTSCHAFT: Einem Großteil der niederländischen Elektrofischer droht das Aus

Straßburg. EF/VK/NRC. 18. Januar 2018.

Scheine Big
Ein Verbot der Elektrofischerei würde für viele niederländische Fischer das Aus bedeuten. Doch noch sind die Verhandlungen nicht abgeschlossen, Die Ausgangssituation für die Niederlande steht jedoch unter keinem guten Stern, Quelle: Jurijn Timon de Vos/NiederlandeNet

Am vergangenen Dienstag hat das Europäische Parlament in Straßburg über ein mögliches Verbot von Elektrofischerei abgestimmt. Nachdem sich schließlich ein Großteil davon für ein Verbot ausgesprochen hat, wird nun in Absprache mit dem Europäischen Fischereiministerium und der Europäischen Kommission ein entsprechendes Gesetz verhandelt. Ein Gesetz, welches für viele Elektrofischer das Aus bedeuten könnte. Zwar sind die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen, die Chancen für die niederländische Fischwirtschaft stehen aber schlecht, da vor allem die Fischereiminister viel Kritik an der Methode des Elektrofischens äußern. Insgesamt sind bei einem Verbot 84 niederländische Kutter, die beim Fang von Seezungen oder auch Schollen eben diese Methode anwenden, von dieser Regelung betroffen. Die Fischwirtschaft befürchtet zahlreiche Konkurse.

Plattfische wie die Seezunge oder die Scholle gehören zu den wichtigsten Fischen der niederländischen Fischwirtschaft. Noch bis vor ein paar Jahren wendeten Fischereiflotten eine andere Methode an, um diese Fische, die sich für gewöhnlich am Meeresboden aufhalten, zu fangen. Damals fischte man mit einer Baumkurre, einem schweren Stahlträger, an dem Ketten befestigt waren. Die Baumkurre wurde dazu mit großem Kraftaufwand über den Meeresboden gezogen, wodurch die Fische aufgeschreckt und gefangen werden konnten. Mittlerweile nutzt man statt schwerer Ketten, die über den Boden gleiten, ein Gestell, welches über dem Meeresboden schwebt und Elektroimpulse abgibt, durch die die Fische ebenfalls aufgeschreckt werden.

Die Vorteile dieser Fangmethode sind vielfältig. Beispielsweise ist der Schaden am Meeresboden und damit auch an den dort angesiedelten Lebewesen deutlich geringer. Darüber hinaus wird der Beifang minimiert, da man gezielter fischen kann, und auch der Treibstoffverbrauch halbiert sich. Grund dafür ist nicht nur die leichtere Ausrüstung und der geringere Kraftaufwand sondern auch die Anzahl der Fahrten, die ein Fischerbot zu leisten hat. Da die elektronische Fangmethode deutlich effizienter ist, brauchen die Kutter, die eine EU-Quote für Plattfische zu erfüllen haben, nicht so oft in See zu stechen. Damit kann die elektronische Fangmethode sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus ökologischer Sicht mit Argumenten punkten.

Laut Johan Nooitgedagt, dem Vorsitzenden der niederländischen Fischereivereinigung, ist das Überleben der Plattfischfischerei ernsthaft gefährdet. „Wir haben die Elektrofischerei aus dem Grund entwickelt, weil wir durch die hohen Treibstoffpreise nichts mehr verdienen konnten. Wenn wir wieder zur alten Methode zurückkehren müssen und der Treibstoff wieder teurer wird – und das wird passieren – bedeutet das für viele Schiffe das Ende. Wir müssen nun für die Erhaltung der niederländischen Trikolore auf der Nordsee kämpfen.“

Die Elektrofischerei wird in Europa zum jetzigen Zeitpunkt als Experiment gehandhabt und ist in diesem Zusammenhang auch erlaubt. Bei einem solchen Experiment dürfen insgesamt 5 Prozent einer Flotte die zu testende Methode mit Elektroimpulsen anwenden. Die Niederlande durften diesen Prozentsatz auf insgesamt 10 Prozent der Schiffe erhöhen. Das würde bedeuten, dass, bezogen auf alle niederländischen Kutter, ganze 28 Schiffe mit der Ausrüstung für das Elektrofischen ausgestatten sein dürften. Allerdings, so der Europarlamentarier Bas Eickhout (GroenLinks), fahre nun die gesamte, 84 Schiffe umfassende Plattfischflotte mit dieser Ausrüstung. „Die Niederlande haben den Bogen total überspannt“, so Eickhout.

Einige niederländische Mitglieder des Europäischen Parlaments äußern ihr Entsetzen über das Vorhaben, die Elektrofischerei zu verbieten. Annie Schreijer-Pierik (CDA) spricht von einer Katastrophe, der VVD-Abgeordnete Jan Huitema von einer verpassten Chance. Carola Schouten, Ministerin für Landwirtschaft, hält das Verbot für „unbegreiflich“. Ihrer Meinung nach „haben Emotionen und Gefühle über die Fakten und Ergebnisse unabhängiger Forschung gesiegt“. Sie will den „Kampf für die Interessen der niederländischen Elektrofischerei noch nicht aufgeben“.

Die niederländischen Fischer, die zurzeit die alleinigen Nutzer der elektronischen Fangmethode sind, ernteten zu Beginn dieser Woche weiterhin von gleich zwei Seiten Kritik. Dazu gehört unter anderem der französische Fischereisektor, der sich auf eigenem Terrain immer mehr der niederländischen Konkurrenz ausgeliefert sieht. Schließlich seien die Niederländer durch ihre leichte Elektroausrüstung in der Lage sind, in Gebieten zu fischen, die bislang nur kleinen (französischen) Kuttern zugänglich waren. „Das hat […] in Frankreich für böses Blut gesorgt, die ihre eigenen Gewässer von niederländischen Schiffen leergefischt gesehen haben“, so Eickhout. Die Niederlande handele damit, so die Meinung der Franzosen, gegen getroffene Abmachungen. Weitere Kritiker stammen aus der Lobby der Tier- und Naturschützer, die ein Verbot der Elektrofischerei befürworten, um den Tieren das durch die Stromstöße zugefügte Leid zu ersparen. Die Ergebnisse einer Studie der Universität Wageningen widersprechen dieser Annahme jedoch teilweise.

Nichtsdestotrotz erzielte die Lobby der Tier- und Naturschützer große Erfolge. Schließlich stimmte das Europäische Parlament mit 402 zu 232 Stimmen für ein Verbot der Elektrofischerei. Doch noch ist nicht alles verloren, da das Europäische Parlament nun mit den einzelnen Mitgliedsstaaten über ein definitives Verbot verhandeln muss. Theoretisch könnte die niederländische Regierung das Blatt noch wenden. Die Ausgangssituation ist jedoch nicht erfolgsversprechend. Auch die Erwartungen von Carola Schouten halten sich in Grenzen: „Das wird eine schwierige Verhandlung!“