Nachrichten Februar 2018


GESELLSCHAFT: Die niederländische 'Coöperatie Laatste Wil' verhilft hunderten Menschen zum Suizid

Woerden. EF/NRC/NOS. 09. Februar 2018.

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Bereits im September berichtete die niederländische Genossenschaft Coöperatie Laatste Wil (CLW), ein Mittel gefunden zu haben, mit dem Menschen auf humane Weise ihr Leben beenden können, Sollte dieses Mittel tatsächlich zur Anwendung kommen, könnte der Genossenschaft eine strafrechtliche Verfolgung drohen, Quelle: NiederlandeNet/CC BY-NC-SA 2.0

Im September letzten Jahres wurde von der Genossenschaft Coöperatie Laatste Will (CLW) bekannt gegeben, dass es ein legales Mittel auf dem Markt gebe, mit dem Menschen ihr Leben auf humane Art und Weise beenden können. Inzwischen haben bereits über 300 Menschen in den Niederlanden genau dieses Mittel über landesweite, gemeinschaftliche Einkaufsgruppen bestellt, die von der CLW gegründet wurden. Laut Aussage der Genossenschaft haben die Betroffenen selbst die Initiative ergriffen, um an das Mittel zu kommen. Sollte die CLW den Vertrieb eines Selbstmordmittels jedoch unterstützt haben, kann es zu einer strafrechtlichen Verfolgung kommen.

Das Thema Sterbehilfe ist in den Niederlanden bereits seit geraumer Zeit ein Thema, das immer wieder in den Fokus gerät. Besonders während der Wahlen und der ersten Koalitionsverhandlungen im März vergangenen Jahres wurde das Gesetz ‚voltooid leven‘ in den Medien ausgiebig diskutiert. (Lesen Sie mehr zu diesem Thema.) Die CLW hat daraufhin im September letzten Jahres bekannt gegeben, dass sie ein legales Pulver gefunden habe, das es Menschen erlaubt, ihr eigenes Leben auf humane Weise zu beenden. Nach einem solchen Mittel habe die Genossenschaft, Vorreiter in Bezug auf das Thema Selbstbestimmung, bereits seit Jahren gesucht.

Nach der Mitteilung, ein legales Mittel gefunden zu haben, um das eigene Leben vorzeitig und human zu beenden, habe die CLW eigenen Angaben zufolge ein starkes Wachstum von 3.200 auf inzwischen 20.000 Mitglieder verzeichnen können. Jedoch bedeutet eine Mitgliedschaft nicht automatisch, dass Mitglieder das Pulver, dessen Name bislang unbekannt ist, ohne weiteres bestellen können. Dafür ist eine Mitgliedschaft von über sechs Monaten von Nöten. Außerdem müssen sie zuvor eine Informationsveranstaltung besuchen, bevor sie jemanden aus der Genossenschaft bevollmächtigen können, das Pulver für sie zu besorgen. Aus Verträgen zwischen der CLW und Mitgliedern, Protokollen und Berichten geht nun hervor, dass die Genossenschaft eine strukturierte Organisation mit Projektleitern, lokalen Einkäufern und Administratoren gegründet habe, so Enzo van Steenbergen, Redakteur der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad.

NRC berichtet, dass die Mitglieder unter der Aufsicht des CLW-Vorstandes lokale Einkaufsverbände gegründet haben und eine Person zum ‚Einkäufer‘ ernannt haben. Dieser wird dazu bevollmächtigt, pro Mitglied zwei Gramm dieses Puders – in den Niederlanden auch ‚Middel X‘ genannt – einzukaufen und es anschließend unter den entsprechenden Mitgliedern zu verteilen. Eine medizinische Überprüfung der Urteilsfähigkeit ihrer Mitglieder nimmt die CLW nicht vor. Das gehöre, so heißt es in einem Protokoll der Organisation, nicht zu ihren Aufgaben.  So bestätigt der CLW-Vorsitzende Jos van Wijk, dass Menschen selbst für ihre Gedanken, ihre Worte und ihr Handeln verantwortlich seien. Es wäre unpassend, wenn eine dritte Person darüber urteile, ob ihre Entscheidung unberechtigt oder falsch ist. Ihnen genüge eine Erklärung, in dem das Mitglied selbst für seine Urteilsfähigkeit bürgt.

Noch nie zuvor wurden die Grenzen von organsierter Beihilfe zur Selbsttötung so ausgiebig untersucht. Aus juristischer Sicht scheint es allerdings so, dass Menschen, die an einem humanen Suizid interessiert sind, lediglich auf öffentliche Informationsquellen hingewiesen werden dürfen. Darüber hinaus darf man ihnen ausschließlich moralische Unterstützung bieten.

Die lokalen ‚Einkäufer‘ der CLW hingegen verweisen ihre Mitglieder nicht nur an Adressen, wo man das Mittel käuflich erwerben kann, sondern besorgen und verteilen es zudem. Der richtige Name des ‚Middel X‘ kommt in keinem der öffentlich bekannten Dokumente vor und wird von der CLW nur an die direkten ‚Einkäufer‘ weitergegeben. Die CLW scheint den Namen des Puders, so Enzo van Steenbergen, bewusst geheim zu halten. Mitglieder müssen in Verträgen unterschreiben, dass sie, sollten sie den Namen des Mittels durch Zufall erfahren, diesen für sich behalten werden.

Das Puder kostet laut Angaben der niederländischen Rundfunkanstalt NOS rund 180 Euro und wird in einem Safe geliefert, der nur mittels eines Fingerabdrucks oder eines Zahlencodes geöffnet werden kann. Außerdem müssen sich die Mitglieder vertraglich erklären, das Pulver nur für sich selbst zu verwenden. Für Schäden obliegt der CLW keine Haftung.

Die niederländische Staatsanwaltschaft gibt zu verstehen, dass die Bereitstellung von Mitteln, die der Beihilfe zum Selbsttötung dienen, strafbar ist, sobald derjenige damit tatsächlich Suizid begeht – unabhängig davon, ob das verwendete Mittel an sich verboten ist oder nicht. Eine eventuelle Entscheidung, das Vorgehen der CLW strafrechtlich zu verfolgen, macht die Staatsanwaltschaft von „konkreten Umständen“ abhängig, so ein Pressesprecher.

Die CLW versucht sich juristischen Verfahren gegenüber dadurch abzusichern, dass sie ihre Mitglieder Verträge unterzeichnen lassen, in denen sie angeben, dass sie CLW im Falle eines „möglichen Schadens“ keinerlei Haftung übernimmt. „Wir möchten betonen, dass Mitglieder autonome und verantwortliche Individuen sind, die über ihr eigenes Leben und ihren Tod entscheiden können und wollen“, so Jos van Wijk.

Diese Entwicklung zeigt, dass das Thema Sterbehilfe in den Niederlanden noch immer großen Diskussionsbedarf hat – vor allem im Zusammenhang mit der Diskussion über das Gesetz ‚voltooid leven‘. Die niederländische Partei D66 bereitet zurzeit ein Initiativgesetz vor, das älteren Menschen, die ihr Leben als vollendet betrachten, die Möglichkeit bietet, im Falle eines gewünschten Freitods Unterstützung zu bekommen – und dies gegen den Willen der Partei ChristenUnie, die wie auch die D66 zu den Regierungsparteien gehört.


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