GESELLSCHAFT: Absolute Gleichberechtigung der Geschlechter erst in 100 Jahren zu erwarten

Den Haag, LM/NRC/VK/Global Gender Gap Report, 19. Dezember 2018

Am heutigen Mittwoch hat das Weltwirtschaftsforum den Global Gender Gap Report 2018 veröffentlicht, der die Gleichstellung der Geschlechter in 149 Ländern untersucht. Während Deutschland von Platz 12 auf Platz 14 abgerutscht ist, müssen sich die Niederlande mit dem 27. Platz zufrieden geben. Insgesamt ist die Bilanz des Berichts nahezu niederschmetternd: Wenn die Gleichstellung der Geschlechter weiter so langsam voranschreitet, kann erst in 100 Jahren damit gerechnet werden, dass Männer und Frauen wirtschaftlich gesehen gleichgestellt sind. In West-Europa könnte es mit 70 Jahren etwas schneller gehen, doch auch diese Zeitspanne wirkt wie eine kleine Ewigkeit und zeigt, dass es noch ein langer Weg bis zur Gleichstellung von Mann und Frau ist.

Das Weltwirtschaftsforum ist eine in der Schweiz ansässige Stiftung, die für ihr jährliches Treffen bekannt ist, zu denen international führende Wirtschaftsexperten, Politiker und Journalisten kommen, um globale wirtschaftliche Fragen zu diskutieren. Beim Global Gender Gap Report untersucht das Weltwirtschaftsforum nicht nur die wirtschaftliche Emanzipation, sondern auch die Benachteiligung der Frau innerhalb der Politik, des Gesundheitswesens und der Bildung.

Island führt die Rangliste des Global Gender Gap Reports zum zehnten Mal in Folge an. Dem Bericht zufolge kann in Island zu 86 Prozent von Gleichberechtigung gesprochen werden. Deutschland liegt mit knapp 77 Prozent auf Platz 14. Die Niederlande liegen leicht abgeschlagen mit knapp 75 Prozent auf Platz 27 und befinden sich im westeuropäischen Vergleich in der unteren Hälfte. Die letzten Plätze der Rangliste belegen der Irak, Pakistan und der Jemen.

Vor allem auf politischer und wirtschaftlicher Ebene sei die Benachteiligung der Frau deutlich sichtbar, konstatiert das Weltwirtschaftsforum im diesjährigen Bericht. Die politische Emanzipation der Frau wurde basierend auf weiblichen Parlamentariern, Ministern und Regierungschefs berechnet. Diesbezüglich haben sich die Zahlen für Westeuropa in den letzten Jahren sogar wieder verschlechtert. Zwar können die Niederlande 47 weibliche Parlamentsmitglieder vorweisen und den zehn männlichen Ministern sechs weibliche entgegensetzen, doch in einem Bereich hinken die Niederlande deutlich hinterher und müssen Pluspunkte einbüßen: Es gibt und gab bisher keine weibliche Ministerpräsidentin. In diesem Bereich können die Niederlande nicht punkten, während Spitzenreiter Bangladesch seit den 90er Jahren ausschließlich weibliche Ministerpräsidentinnen hatte.

In Bezug auf die wirtschaftliche Benachteiligung der Frau spielen zwei Faktoren eine wichtige Rolle: die Kinderbetreuung und die Robotisierung. Die Betreuung der eigenen Kinder wird meistens immer noch von der Frau übernommen, was auch mit dem Mangel an Kindergartenplätzen zu tun hat. Zusätzlich leiden vor allem Frauen unter der Zunahme der Automatisierung administrativer Arbeit und dem Einsatz von Robotern. Vor allem die Sektoren der administrativen Arbeit, des Kundenservice und des Telemarketings werden zunehmend automatisiert und robotisiert. Da diese Sektoren einen starken weiblichen Arbeitnehmeranteil haben, leiden vor allem Frauen unter dieser Entwicklung.

Die soziale und kulturelle Planungsbehörde (kurz SCP) der Niederlande hat am vergangenen Dienstag passend eine Studie zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit niederländischer Frauen veröffentlicht. Im vergangenen Jahr sind laut Studie 60 Prozent der Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren wirtschaftlich selbstständig gewesen. Als wirtschaftlich selbstständig betrachtet die Planungsbehörde ein Einkommen von minimal 950 Euro pro Monat. Das durchschnittliche Einkommen beträgt in den Niederlanden ungefähr 2.100 Euro, demzufolge sind die angesetzten 950 Euro eine verhältnismäßig niedrige Grenze, um von der SCP als wirtschaftlich unabhängig eingestuft zu werden. Trotzdem gelten der Studie zufolge 40 Prozent der niederländischen Frauen als wirtschaftlich abhängig.

Die SCP stellte ebenfalls fest, dass die Anzahl arbeitender Frauen in den letzten Jahren zwar gestiegen sei, dass viele allerdings nur in Teilzeit arbeiten würden und dass der Hauptverdiener in den meisten Beziehungen der Mann sei. Viele Frauen würden es nicht als notwendig erachten, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Dementsprechend fühlen sich viele Männer laut SCP für die Versorgung der Frau/Familie zuständig. Dreiviertel der Männer im Alter zwischen 25 und 49 Jahren gaben an, dass sie arbeiten müssen, da ihr Einkommen nicht ausbleiben könne und benötigt werde. Alleinstehende Frauen geben ebenfalls an, dass sie aus diesem Grund arbeiten müssen, doch bei Frauen, die mit einem Partner zusammenwohnen, äußert sich nur noch die Hälfte übereinstimmend. Die SCP zieht daraus den Schluss, dass das Zusammenwohnen bei Frauen dazu führt, dass der Druck des Geldverdienens sich verringert – bei Männern sei dies nicht der Fall.