GESELLSCHAFT: 18 Millionen Niederländer ab 2029

Den Haag/Heerlen, SF/CBS/NOS/NRC, 18.Dezember 2018

Die Bevölkerung in den Niederlanden wächst. Bis zum Jahr 2029 wird die 18-Millonen-Einwohner-Marke vermutlich überschritten sein. Das hat die niederländische Statistikbehörde CBS berechnet. Die Bevölkerung wird im Kern durch Zuwanderung wachsen. Der Anteil an migrantischen Niederländern soll bis dahin von 24 auf 27 Prozent ansteigen. Hinzu kommt der demografische Wandel, der die niederländische Gesellschaft vor anderweitige Herausforderungen stellt. Denn die Niederlande altern rapide: Bis 2030 sollen fast 4,2 Millionen Niederländer älter als 65 Jahre sein. Welche Folgen der gesellschaftliche Wandel für den Wohnungsmarkt, das Rentensystem und die Gesellschaft im Ganzen haben könnte, wird jetzt diskutiert.

Das CBS erwartet, dass die Bevölkerungsanzahl in den Niederlanden bis 2060 18,6 Millionen betragen wird. Ab 2030 wird der Anteil der über 65-jährigen nach der CBS-Prognose von einem Fünftel auf ein Viertel der Gesamtbevölkerung ansteigen. Vor allem der Anteil der Menschen über 80 Jahren wird zunehmen: von den jetzigen 800.000 auf 1,2 Millionen. Die Alterung der Bevölkerung hat einerseits mit dem Babyboom in den Nachkriegsjahren und andererseits mit den verbesserten Lebensverhältnissen zu tun, die für eine höhere Lebenserwartung sorgen. Darüber hinaus wird sich das demografische Bild in den Niederlanden auf den Kopf stellen: Aktuell gibt es rund eine halbe Millionen unter 20-jährige mehr als über 65-jährige. Trotz der steigenden Geburtenrate wird sich dieses Verhältnis allerdings umdrehen. Logischerweise wird die Zwischengruppe – die 20- bis 65-Jährigen – schrumpfen. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung wird laut Prognose von 59 auf 56 Prozent sinken. Jedoch wird es mehr Menschen in den Dreißigern geben.

Das Bevölkerungswachstum resultiert zu zwei Dritteln aus der zunehmenden Migration und zu einem Drittel aus dem steigenden Geburtenüberschuss. Allerdings wird der sogenannte Migrationssaldo abnehmen. Das bedeutet konkret, dass zwar mehr Menschen zuwandern, aber viele Immigranten die Niederlande wieder verlassen werden. Alles in allem werden bis zum Jahr 2030 nach CBS-Angaben 43.000 Menschen pro Jahr netto einwandern; das sind jährlich 5.000 Menschen weniger als im Zeitraum von 2010 bis 2018. Gleichzeitig werden mehr Kinder geboren werden, als Menschen sterben. Der Geburtsüberschuss wird damit pro Jahr bei 25.000 Neugeborenen liegen, da im Schnitt 187.000 Kinder jedes Jahr geboren, aber 162.000 Menschen im selben Zeitraum sterben werden. Diese Dynamik wird indes dafür sorgen, dass das Bevölkerungswachstum in den kommenden zehn Jahren abgebremst wird.

Das CBS berücksichtigt die Unsicherheiten, die die Prognose zur Bevölkerungsentwicklung umgeben. So kann es sein, dass die jährliche Ein- und Auswanderung in den Niederlanden stark fluktuieren kann, zum Beispiel weil Einwanderungsgesetze verabschiedet werden. Zudem kann die durchschnittliche Lebenserwartung abflachen und auch der Trend zur vierköpfigen Familie kann sich ändern. Eine Stagnation der Gesamtbevölkerung ist deshalb ebenso denkbar wie ein schnelleres Wachstum. Einzig eine Schrumpfung der Bevölkerung ist nach der jetzigen Faktenlage eher unwahrscheinlich.

Schon jetzt sind erste Folgen des Bevölkerungswandels abzusehen. Sicher ist, dass die Niederlande bunter werden. Anfang des Jahres hatten 23 Prozent der Niederländer einen Migrationshintergrund. In den häufigsten Fällen haben diese Niederländer ihre Wurzeln in Marokko, Surinam, den Antillen und der Türkei und in der Regel leben sie in der zweiten Generation in den Niederlanden. Durch den Zuzug von Geflüchteten nimmt der Anteil an Syrern stetig zu. Des Weiteren wandern seit den EU-Osterweiterungen 2004 und 2007 mehr Familien aus Polen, Rumänien und Bulgarien in die Niederlande ein. Trotz alledem ist der Ausländeranteil an der Bevölkerung in den Niederlanden recht klein: „Ungefähr 145.000 Menschen, die jünger als 50 Jahre sind, sind Kinder von Eltern nicht-westlicher Herkunft. Das sind 1,9 Prozent der Bevölkerung mit einem niederländischen Hintergrund in derselben Altersgruppe“, schreibt das CBS im Jahresbericht Integration.

Als problematisch wird sich die Wohnsituation von alleinstehenden Senioren herausstellen, wie der Wohnungsbauprofessor an der TU Delft, Peter Boelhouwer, gegenüber dem NOS Radio 1 Journaal angibt: „Senioren bleiben oftmals nach dem Tod des Ehepartners in einem großen Einfamilienhaus wohnen.“ Das sorge für knappen Wohnraum, insbesondere für die 100.000 jungen Familien, die jährlich neu auf den Wohnungsmarkt zukämen. Auch zeigten sich Senioren selten dazu bereit, im hohen Alter umzuziehen. „Nur 3 Prozent der Senioren wollen umziehen, in den anderen Altersgruppen liegt die Bereitschaft bei 9 Prozent. Es wird umso schwieriger, wenn man in der Nachbarschaft verankert ist“, so Professor Boelhouwer. Für die Senioren müsse man jetzt nachbarschaftsnahe Lösungen finden, damit der Wohnraum für junge Familien freigemacht werde. Wohnkooperationen, die bei der Finanzierung von Umzügen behilflich seien, fänden sich aber inzwischen häufiger.

Mit der Alterung der Gesellschaft steigt auch die Gefahr der Einsamkeit. Schon jetzt erfahren 37 Prozent aller Niederländer über 15 Jahre geringe bis starke Gefühle von Einsamkeit. Vor allem Alleinstehende und Geschiedene sind besonders häufig von Einsamkeit betroffen. Ob sie Kinder haben oder nicht, spielt eine eher nebensächliche Rolle, hat das CBS untersucht. Was den Betroffenen fehlt, sind regelmäßige soziale Kontakte sowie Intimität. Wenn immer mehr Senioren alleine wohnen werden, ist anzunehmen, dass sich deren soziales Wohlbefinden verschlechtern wird.

Ein weiterer Aspekt, der durch den demografischen Wandel für Wirbel sorgen wird, ist die Rentenformel. Aktuell liegt das Renteneintrittsalter in den Niederlanden bei 65 Jahren, zudem ist es seit diesem Jahr an die durchschnittliche Lebenserwartung gebunden und wird daher alle fünf Jahre vom Sozialministerium evaluiert. Dem Demograf Jan Latten geht diese Reform indes nicht weit genug. Er hat einen kreativeren Vorschlag für eine Modernisierung der Rente in petto: Der Renteneintritt solle evaluiert werden. Frauen leben länger als Männer, Hochqualifizierte länger als Geringqualifizierte, Reiche länger als Arme, Menschen mit einem körperlich anspruchslosen Beruf länger als diejenigen, die sich bei der Arbeit körperlich verausgaben – warum sollte man das nicht auch bei der Rente berücksichtigen. Zur Veranschaulichung: In den Niederlanden leben hochqualifizierte Frauen durchschnittlich sieben Jahre länger als geringqualifizierte Männer. Latten findet, dass hochqualifizierte Frauen deshalb erst später in Rente gehen sollten – der Gerechtigkeit wegen.