ARBEITSMARKT: Wirtschaftliche Situation niederländischer Frauen verbessert

Den Haag, SF/CBS/SCP/NOS, 17.Dezember 2018

Kind oder Karriere? Kind und Karriere? Viele Frauen stellen sich diese Fragen im Laufe ihres Lebens. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist deshalb auch immer wieder ein Thema in der Politik, denn oft werden Frauen Steine in den Weg gelegt. Der Emanzipationsmonitor, der alle zwei Jahre vom Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) und dem Sociaal Cultureel Planbureau (SCP) veröffentlicht wird, untersucht die Lebenssituation niederländischer Frauen ausführlich. Der Forschungsbericht beginnt dieses Jahr mit einer guten Nachricht: Die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Frauen nimmt zu.

Lange Zeit wurde es in den Niederlanden als ein Zeichen des Wohlstands gesehen, wenn sich Frauen zuhause um die Kinder kümmern konnten. Ein-Verdiener-Haushalte, in denen der Mann um das Einkommen erarbeitet, galten als Idealbild. Doch mittlerweile zeichnet sich ein anderes Bild, in dem Frauen immer häufiger durch eigene Arbeit wirtschaftlich selbstständig werden: Gute 60 Prozent der Frauen können durch eigene Erwerbstätigkeit für ihren Unterhalt sorgen, wie der Emanzipationsmonitor zeigt. Dasselbe trifft auch auf Frauen in einer festen Partnerschaft und mit Kindern zu: Im Falle einer Trennung könnten fast 66 Prozent problemlos für sich und ihren Nachwuchs sorgen. Des Weiteren nahm die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Frauen leicht zu: Sie arbeiteten 2017 im Schnitt 28 Wochenstunden und damit eine Wochenstunde mehr als im Jahr 2015. Darüber hinaus sind erstmals Frauen in den Niederlanden besser ausgebildet als Männer. Gerade junge Frauen profitieren vom steigenden Bildungsgrad. Auch nimmt der Anteil von Frauen in Spitzenpositionen in der Wirtschaft zu, auch wenn es in den Niederlanden noch immer weniger Managerinnen gibt als im europäischen Ausland.

Trotz dieser Erfolge weist der Emanzipationsmonitor ebenfalls auf gesellschaftliche Aufgaben hin, die es immer noch zu bewältigen gilt. Nach wie vor verdienen Frauen weniger als Männer; die Lohnlücke schließt sich jedoch langsam. In der freien Wirtschaft verdienen Frauen fast ein Fünftel weniger als Männer, im öffentlichen Sektor liegt die Lohnlücke bei nur 8 Prozent. In konkreten Zahlen beträgt ein weiblicher Durchschnittslohn 19 Euro die Stunde, ein männlicher Stundenlohn liegt indes 4 Euro höher. Dadurch sind Männer zu gut 20 Prozent häufiger wirtschaftlich selbstständig als Frauen. Zu erklären ist die Lohnlücke mit den unterschiedlichen Lebensformen der Geschlechter, die sich auch im Arbeitsleben niederschlagen. So reduzieren mehr als 40 Prozent der Niederländerinnen ihre Arbeitszeit nach der Geburt des ersten Kindes oder kündigen ihre Stelle ganz, während sich für Männer nach der Geburt rein gar nichts ändert. Ein Drittel der unbezahlten Familienarbeit übernehmen Männer, Frauen jedoch das Doppelte.

Ein weiteres Problem: Frauen sind signifikant häufiger in Teilzeitarbeitsstellen beschäftigt. Zwar sind Niederländerinnen verglichen mit anderen Frauen in Europa häufiger erwerbstätig, allerdings arbeiten fast drei Viertel Teilzeit. In der EU liegt der Durchschnittswert hingegen bei nur 31 Prozent. Besonders krass sind jedoch die ökonomischen Unterschiede zwischen den Frauen in den Niederlanden selbst. Weniger gut ausgebildete Niederländerinnen haben bei der Erwerbstätigkeit, Selbstständigkeit und der Arbeitszeit das Nachsehen gegenüber höher qualifizierten Frauen – und das seit dem Krisenjahr 2007. Härter getroffen sind nur noch niederländische Migrantinnen, insbesondere mit nicht-westlicher Migrationsgeschichte. Zwar arbeiten Migrantinnen länger als gebürtige Niederländerinnen, allerdings sind sie häufiger arbeitslos und stehen damit seltener auf eigenen Beinen. Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Abhängigkeit haben sogar seit 2007 zugenommen.

Für den niederländischen Rundfunk NOS kommentierte Tanja van der Lippe, Soziologieprofessorin an der Universität Utrecht, die Ergebnisse des diesjährigen Emanzipationsmonitors. Ihr zufolge verbessere sich die Lage der Frauen in den Niederlanden Schritt für Schritt, doch von echter Emanzipation kann noch lange keine Rede sein. Van der Lippe bedauert vor allem die Unterschiede zwischen den Frauen selbst je nach Bildungsgrad und sozialer Herkunft. Darüber hinaus sieht sie die häufige Teilzeitarbeit der Frauen kritisch. Zu erklären sei dies mit der Skepsis vieler Niederländerinnen gegenüber Fremdbetreuung: „In den Niederlanden ist es noch nicht normal, das Kind mehr als drei Tage die Woche in die Krippe zu geben. Das wird als problematisch empfunden und passt nicht in die Wert- und Normvorstellung von Mutterschaft“, so Van der Lippe. Um Müttererwerbstätigkeit zu stimulieren, fordert sie, dass sich mehr Väter in den Familien engagieren. „Wenn der Staat will, dass Frauen arbeiten gehen, dann müssen Väter zum Beispiel Vaterschaftsurlaub nehmen können“, sagt die Soziologin.