KULTUR: Marga Minco erhält P.C. Hooftprijs

Amsterdam, LM/NRC/VK, 11. Dezember 2018

Die niederländische Schriftstellerin Marga Minco erhält im Alter von 98 Jahren den P.C. Hooftprijs 2019 – den wichtigsten Literaturpreis der Niederlande. Durch ihr Debüt Das bittere Kraut wurde sie zur „niederländischen Stimme der europäischen Nachkriegsliteratur“. 60 Jahre nach Erscheinen dieses Welterfolgs wird nun Mincos Gesamtwerk geehrt. Im Januar 2019 wird die Autorin den Preis, der 60.000 Euro umfasst, aufgrund ihres Alters zu Hause in Empfang nehmen.

Marga Minco ist eine der wichtigsten niederländischen Autorinnen, die den Folgen des Zweiten Weltkriegs und der jüdischen Identität nach dem Krieg eine literarische Form gab. Ihre Romane und Kurzgeschichten zeichnen sich durch den kurzen und bündigen Schreibstil aus. Die Jury des P.C. Hooftprijs, die aus dem Wissenschaftler Mathijs Sanders, der Kritikerin Daniëlle Serdijn und den Autoren Gustaaf Peek, Vamba Sherif und Franca Treur besteht, begründete die Wahl Mincos unter anderem damit, dass ihr Oeuvre die Leser erfahren lasse, wie Menschen durch böse Mächte in die Einsamkeit getrieben wurden.

Der P.C. Hooftprijs ist in den Niederlanden der wichtigste Oeuvre-Preis für Literatur und existiert seit 1947. Jährlich wird er abwechselnd für Poesie, Essayistik oder Prosa verliehen und am Geburtstag des Namensgebers Pieter Corneliszoon Hooft am 21. Mai überreicht. Da die Preisträgerin des kommenden Jahres 98 Jahre alt ist, wird der Preis bereits im Januar im kleinen Rahmen bei ihr zu Hause verliehen.

Marga Minco wurde 1920 als Sara Minco geboren und wuchs in einer traditionell jüdischen Familie in Breda auf, bis diese von der deutschen Besatzung auseinandergerissen wurde. Minco arbeitete vor dem Krieg bei der Zeitung Bredasche Courant und schrieb dort ihre ersten literarischen Texte. 1940 wurde sie entlassen und musste mit ihren Eltern in das Amsterdamer Judenviertel ziehen. Dort wurde die Familie von fremden Männern abgeholt, die einfach die Wohnung stürmten. Mincos Vater fragte seine Tochter, ob sie die Jacken holen könne und Marga Minco nutzte die Gelegenheit und verließ die Wohnung durch die Hintertür, um zu flüchten – mit Erfolg. Minco tauchte unter dem Namen Marga Faes unter und überlebte den Krieg – ihre nächsten Familienangehörigen sah sie jedoch nie wieder.

Nach dem Krieg schrieb sie ihr erstes Buch, das den Namen Das bittere Kraut trägt und 1957 veröffentlicht wurde. Dreizehn Jahre lang hatte Minco an der Erzählung geschrieben, die schließlich ihr größter Erfolg wurde und weltweit ein Millionenpublikum erreichte. Das bittere Kraut erzählt die Geschichte eines jüdischen Mädchens während der Besetzung. Die einfache, klare Sprache der Erzählung fängt das grausame Schicksal der Juden unnachahmlich ein und kennzeichnet Mincos komprimierten Stil. Minco arbeitete ganz nach dem Motto „Man kann besser einen einzigen guten Satz schreiben, als den Inhalt auf eine ganze Seite zu strecken“. Pro Kurzgeschichte, so Minco, schmeiße sie oft eine ganze Einkaufstüte mit anderen Versionen der Geschichte weg.

Der Krieg ist für Minco nie zu Ende gewesen, bestimmt ihr Leben und ist in vielen – aber längst nicht allen ihrer Werke zu finden. Vor allem ihre Kurzgeschichten zeichnen sich durch einen Realismus aus, der manchmal sogar ins Absurde übergeht. Oft klingt das Kriegstrauma trotzdem beim Lesen mit, wenn beispielsweise das Thema Einsamkeit im Mittelpunkt steht. Neben Das bittere Kraut sind vor allem Een leeg huis (dt. „Ein leeres Haus“) aus dem Jahr 1967, De val (dt. „Der Fall“) aus dem Jahr 1983 und Storing (dt. „Störung“)  von 2004 bekannt. 2010 schrieb Minco das Boekenweekgeschenk (dt. „Buchwochengeschenk“) De glazen brug (dt. „Die gläserne Brücke“). Vor dem P.C. Hooftprijs hat Minco bereits den Constantijn Huygensprijs und den Annie Romeinprijs gewonnen. Die niederländische Tageszeitung NRC Handelsbald wundert sich darüber, dass vorher noch keine Jury des P.C. Hooftprijs auf die Idee gekommen ist, Minco den Preis zu verleihen, denn die Qualität ihres Oeuvres sei zeitlos: Der komprimierte Stil sorge dafür, das ihr Werk dem Zahn der Zeit mühelos entgehe, ihre Wortwahl sei nicht gealtert und die sparsamen Sätze behielten noch immer ihre Überzeugungskraft. Die Lektüre lohnt sich also auch heute noch!